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1998 Wissenschaft

Bettina Widner untersucht in ihrer Dissertation „Müller“

„Walter Mehring ist einer der sprachmächtigen Lyriker, Satiriker und Poeten der Weimarer Republik. Kurt Tucholsky beschreibt die Denkart Mehrings:

Wenn wirklich Philosophie, Ablehnung aller Metaphysik,
schärfste und rüdeste Weltbejahung einen Straßensänger
gefunden haben, der das alles in den Fingerspitzen hat, […]
wenn die neue Zeit einen neuen Dichter hervorgebracht hat:
hier ist er.

Das Werk Mehrings genießt während der Zwanzigerjahre Ansehen, 1933 folgt der Sturz in die Bedeutungslosigkeit. Der von Mehring lange prophezeite Siegeszug des NS und das Leben im Exil zerbrechen ihn192. Nach dem Krieg fasst er in Deutschland nicht mehr Fuß. Zu behaupten, Mehring habe schreibend „nicht die Wirklichkeit im Kopf, sondern die Wahrheit, seine Wahrheit, die Wahrheit des Dichters“, trifft zwar die ihm eigene Fabulierlust, ist aber vereinfachend. In „Opposition zu allen bestehenden Produktions- und Lebensformen“ trotzt Mehring zeitlebens gegen Monarchie und Militarismus, Justiz,
Kirche. Nach Meinung Frithjof Trapps beschreiben Mehrings Texte ein

„Höllensystem“, das Bezug nimmt auf das, was anderen „heilige Werte“ sind – Werte, die dem Satiriker selber, wie er sagt, „zuwider“ sind. Man kann auch sagen: Mehrings Welt, die er in unzähligen Texten nachzeichnet, ist nichts anderes als eine „Topographie der Hölle“, ein Bild der Gegenwart – und der Geschichte – im Spiegel endlos sich variierender Höllenvorstellungen. Mehring selber ist Insasse der von ihm beschriebenen „Hölle“: verdammt, schon zu Lebzeiten in der „Hölle“ zu leben und sie unter ständigem Zwang zu beschreiben.

Diese Charakterisierung scheint mir unter zwei Aspekten treffend zu sein. Die Empörung des Satirikers Mehring entzündet sich an einer ungenügenden Realität, sie schürt einen beinah ,heiligen‘ Hass, der während der Weimarer Jahre zu einer Existenzform gerinnt. Hier keimt der verbitterte Enthusiasmus späterer Jahre. Mehrings Texte betreiben Bilderstürmerei, doch zehren sie auch von den gestürzten Ikonen – der „Häretiker“ Mehring schöpft aus der Gewalt und der Macht herrschender Lehre: „Jeder Staat ist eine legalisierte Interessengemeinheit, die sich gegen das Individuum verschworen hat.“ <SN: 220> Der Radikaldemokrat Mehring wird nicht müde, den bürgerlichindividuellen Anspruch auf ein angemessenes Leben in Freiheit zu bekräftigen. Oder, um das Diktum Karl Kraus’ abzuwandeln, zu Hitler ist Mehring meistens etwas eingefallen.

1924 greift Walter Mehring über profan weltliche Bilder hinaus und lotet die „Topographie der Hölle“ (Trapp) aus. Daß solche Transzendenz wenig geeignet scheint im Kampf gegen die Nazis, wird Mehring spätestens im Exil bewusst. Der 1934 erschienene Gedichtband Und Euch zum Trotz wünscht sich die Aggressivität eines radikal diesseitig denkenden Satirikers zurück:

Daß diese Zeit uns wieder singen lehre
Die guten Lieder eines bösen Spotts
– Selbst wenn uns Herz und Sinn danach nicht wäre –
Nur Euch zum Trotz!
(Nur Euch zum Trotz …!) <SN: 15>

Der Roman Müller: Chronik einer deutschen Sippe (1935) mobilisiert noch einmal das hergebrachte Kompendium Mehringscher Satire und attackiert den „ewigen Spießer“. In dessen Spielarten „von Rechts bis Links“ <VB: 23>, erkennt Mehring seinen „wichtigsten Feind“. Der Dadaist und Anarchist Mehring erschafft in der Figur des Spießers und Untertanen ein negatives Abbild seiner selbst. Ausgangspunkt und Projektionsfläche seines satirischen Tadels sind nicht Machthaber – die in den Augen Mehrings unbelehrbar sind –, es sind die kleinen Leute. Mehring hält das épater le bourgeois für eine Verteidigung aufklärerischer Bürgerlichkeit am Leben. Unter dem Titel: „Vernunft: Knockout!“ markiert Mehring 1929 die Grenzen literarischen Protests: „Eins in die Fresse! ist ein Argument, / das ein Jahrtausend Weisheit überrennt“ <CL: 323>. Die Ratio, so Mehring, ist der Gewalt schutzlos preisgegeben und muß dem braunen Terror weichen. Mehring nimmt den Geistesschaffenden jede Illusion gegenüber dem nahen Ende der Republik – und der eigenen Rolle im Geschehen:

Nach dem Rezept von Euren Denkernächten / streng theoretisch
hat man Blut verspritzt! Ja glaubt Ihr denn, daß man
ein Leben schone, / Weil einer ein Atom zerspalten hat? /
Man nützt es auch! Doch glaubt: es geht auch ohne, / Und
ohne Denken wär die Rechnung glatt. <CL: 323>

Die Intellektuellen jener Jahre tragen, so Mehring, an einer doppelten Bürde: Sie sollen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen und gleichzeitig der Erkenntnis beugen, dass sie der Mahlstrom der Realpolitik mundtot macht. Im Licht einer beispiellos rohen Zukunft wirkt die Vergangenheit kostbar, als ein Jahrtausend „Weisheit“, das es, als vergangenes, zu verteidigen gilt. Das Aufkommen und die Existenz der Nazibewegung als „Nichtdenken“, als „Irratio“ abzutun, hat Folgen: Daß Mehring die Vergangenheit adoriert, ist für einen inkonzilianten Satiriker ein denkbar ausgefallenes Geschäft. Die hergebrachte Geist-Macht-Antinomie greift nicht mehr.

Die Faktizität des Jahres 1933 setzt einen weiteren Akzent:

Diejenigen Autoren, die ihrer Zeit einen Spiegel vorgehalten hatten, damit diese sich in dem geschärften Abbild, das der Spiegel wiedergab, besser erkennen konnten – sie mußten einsehen, daß das satirische Zerrbild die Welt in Wahrheit geschönt hatte. Was vor 1933 Übertreibung gewesen zu sein schien, erwies sich nach 1933 als Untertreibung. <Trapp, S. 19>

Mit dem Müller–Roman betätigt sich Mehring als Chronist und schreibt eine zweitausendjährige Vergangenheit unter der Maßgabe der Nazigegenwart um. Der Satiriker erneuert damit seine Aufgabe zu übertreiben – indem er untertreibt. Die deutsche Geschichte wird dargestellt als eine unübersehbar lange Abfolge von Zufall und Unglück, die Diktatur scheint jetzt nur ein episodischer Nullpunkt historischer Entwicklungen zu sein.

Auch der Beitritt zum „Bund Freie Presse und Literatur“ im Jahr 1937 öffnet dem polarisierenden Mehring keine Tore. Der Bund tritt gegen die herrschenden Kräfte des NS-Exils an, vor allem den kommunistisch dominierten „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“.

Das Selbstwertgefühl Mehrings versiegt mit den Jahren im Exil. So soll die Empfängerin der 1941 beendeten Briefe aus der Mitternacht mehr als das Verlangen nach ihrer Nähe stillen; die Projektion ihres Gegenübers stählt die auktoriale Existenz und beglaubigt das im Umhergetriebensein gefährdete Ich des Dichters. Der Eros soll hier Wunderheiler
sein vom „Herzasthma des Exils“ (Thomas Mann). Walter Mehring ruft sich eigene Versäumnisse in Erinnerung. Gesellschaftliche Visionen hätten vor allem dem Hochgefühl des Weltverbesserers selbst gegolten:

Zur Freiheit! Edel war der Rausch … / Was aber gaben wir in
Tausch? / Zu Menschenrechten! Selbst: Zu Gott! / Das letzte
Wort sprach das Schafott! / So haben wir mit Feur und
Schwert / … niemals geliebt, nur … stets bekehrt – […] <KB: 154>

Bedauernd konstatiert Mehrung, hinter der Fahne des Fortschritts sei so oft die Inquisition marschiert. Mehring betrauert auch das versunkene „Ithaka“ <BA: 180>: Der Tod der Boheme-Freunde löscht die geistige Heimat Mehrings aus.

Elende Jahre in den Vereinigten Staaten verstören Mehring. 1951 legt er noch einmal ein Buch, Die verlorene Bibliothek: Autobiographie einer Kultur, vor. Dass er die väterliche Buchsammlung zurücklassen musste, machte den Flüchtling wehrlos:

Ich ließ den Schutzwall hinter mir, den einst mein Vater mir errichtet hatte – aus Tausenden von Bänden –, jeder ein Anathema seiner weißen Aufklärungsmagie, kraft der er, der fortschrittsgläubige Atheist, sich gegen die Rückfälle ins Werwolftum gefeit geglaubt hatte. <VL: 19>

Die historische Faktizität der deutschen Diktatur steckt die „Grenzen der Aufklärung“ (Detlev Claussen) ab, läßt den Aufklärer im Nachhinein erscheinen als ein Phantast im Harnisch von Büchern, abgeschirmt von gesellschaftlicher Realität. Sich vor diesem Hintergrund des geistigen Erbes nicht mehr versichern zu können heißt für Mehring, ganz und gar entwurzelt zu sein.

Mehring verstummt in den Jahren nach dem Krieg. Wie die anderen untersuchten Satiriker findet er sich in Deutschland nicht mehr zurecht. Er ist vergessen. 1978, drei Jahre vor seinem Tod, beginnt der Claassen Verlag die Edition der Werke Walter Mehrings.“

(Bettina Widner: Die Stunde des Untertanen – Ein Untersuchung zu satirischen Romanen des NS-Exils am Beispiel von Irmgard Keun, Walter Mehring und Klaus Mann; Berlin: FU-Dissertationen 2001; Anmerkungen und Nachweise finden sich in den PDF-Dokumenten, die auf dem Server der Freien Universität liegen. Der Link zu dieser PassageDie vollständige Dissertation aus dem Jahr 2001 auf dem Server der Freien Universität Berlin)

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1984 Wissenschaft

Michael Bauer zweifelt an Mehrings Erinnerungen an Oskar Panizza

Michael Bauer: Oskar Panizza
Sechs Jahre nach Kriegsende erschien in den USA Walter Mehrings »The Lost Library«. Ein Kapitel darin war dem »Liebeskonzil« und seinem Verfasser gewidmet. Neben einigen lesenswerten Betrachtungen zur »Himmels-Tragödie« wurde Oskar Panizza durch Mehrings 1952 auch in Deutschland erschienene »Verlorene Bibliothek« endgültig zu einer legendären Gestalt erhoben. Wie bereits 1927 der »Völkische Beobachter« ließ Walter Mehring Panizza direkt nach dessen Prozeß in die Schweiz fliehen. Er ergänzte Panizzas Urteil um »Verbreitung unzüchtiger Schriften« und verschärfte dessen Strafe auf »Zuchthaus«. (46) Um den »Fall Panizza« skandalträchtig in die deutschen Nachkriegsjahre zu retten, ließ Mehring auch den von Hanns Heinz Ewers überarbeiteten Erzählungsband »Visionen der Dämmerung« nachträglich konfiszieren. Postum machte er Oskar Panizza mit Heinrich Lautensack bekannt und erschuf Panizza unter Berufung auf dessen Vilshofener »Caféhauskollegen« und Frank Wedekind einen »Jesuitenonkel«. Als »Sadistisch-Hoffmannischer Horrornovellist« und als Verfasser des »Liebeskonzils« konnte Panizza der Sympathie Walter Mehrings gewiß sein. Bis heute gerne zitiert blieb die »story« von Mehrings gescheitertem Besuch in der Bayreuther Irrenanstalt«: »(Niemand durfte ihn [Panizza] besuchen; ich habe es vergeblich auch versucht …)« Angesichts der Vorliebe des alternden Mehring für Anekdoten und phantasievolle Ausschmückungen dürfte die Geschichte vom gescheiterten Besuch in Bayreuth ebenso frei erfunden sein wie der von Mehring genannte Essay Panizzas »Transvestitentum und Effeminismus im Messiaskult«.

Aufgrund der Tatsache, daß in Mehrings ››Verlorener Bibliothek« Titel Panizzas umformuliert bzw. ergänzt wiedergegeben werden und selbst dessen Todesjahr falsch angegeben ist, sollte diese »Quelle« künftig nicht mehr kritiklos zitiert werden. Weniger die Person und das Werk als »Der Fall Panizza« interessierten Walter Mehring angesichts einer sich Anfang der fünfziger Jahre neuerlich abzeichnenden restriktiven deutschen Kulturpolitik. Mit Mehrings Kapitel aus der »Autobiographie einer Kultur«, so der Untertitel seines Buches »Die verlorene Bibliothek«, überdauerte die Legende vom syphilisinfizierten Dichter, der als ehemaliger Psychiater schizophren in einer »Irrenanstalt« endete (48), den zweiten Weltkrieg.

Michael Bauer: Oskar Panizza – Ein literarisches Porträt; München: Hanser Verlag 1984; S. 24 ff.

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1964 Biografisches Kabarett Lieder Lyrik Wissenschaft

Elisabeth Pablé über Mehrings Rolle als Chansondichter

Elisabeth Pablé (Hg.): Rote Laterne Schwarzer HumorNach dem Krieg setzte eine Kabarett-Renaissance sondergleichen ein. Die Aufhebung der Zensur ermöglichte Walter Mehring im erneuerten „Schall und Rauch“ Zeitsatire großen Stils. „Berlin, dein Tänzer ist der Tod“ hieß sein Auftakt zu cler „goldbesch … Zeit der Zwanziger Jahre“. Klabund, Seemann Kuttel Daddeldu-Ringelnatz, Theobald Tiger alias Tucholsky und Marschall Böff alias „Ecce Homo“-Zeichner George Grosz assistierten. Mit seinem expressionistischen Sprachen-Ragtime schuf Mehring, Jahre vor Brecht, den Song. 1921 setzte Trude Hesterbergs „Wilde Bühne“ die Tradition des zugrundegegangenen „Schall und Rauch“ fort.

Im März 1918 War Wedekind gestorben. In einer Augsburger Kneipe sang ein junger Mann die halbe Nacht zur Guitarre die Lieder des großen Ahnherrn. Der junge Unbekannte hieß Bertolt Brecht. In der „Wilden Bühne“ schockierte er dann erstmals die Berliner mit seinem Elternmörder „Jakob Apfelböck“; der Durchbruch gelang ihm 1928 gemeinsam mit Kurt Weill in der „Dreigroschenoper“; beider überragende Interpretin war Lotte Lenya.

In dieser Zeit und im intimen Rahmen der „Wilden Bühne“ wurde geprägt, was Deutschlands Chansontradition genannt werden darf. Trude Hesterberg, Rosa Valetti, die später ihr eigenes „Größenwahn“ eröffnete, Kate Kühl hießen die neuen Chansonetten, die auch vor politischen Texten nicht zurückschraken. Man gab sich revolutionär, politisch-pamphletisch, links.

Die eigentliche Entdeckung der zwanziger Jahre war die emanzipierte Frau. Sie zog als Herrscherin ins Kabarett, wie der Chronist Berlins Walter Kiaulehn feststellt: „Die neuen Lieder waren (den Frauen) von den Dichtern auf den Leib geschrieben worden, und darum ließen sie auch die Kniekehlen mitsingen. Es klang sehr gut.“ Hatte man zuvor nur Sinn für die Beine der Tillergirls, so interessierte man sich nun für Persönlichkeiten, die außer ihren Beinen auch noch Witz zu verkaufen hatten. Die Troubadoure der neuen Berlinerin waren die Chansondichter. Mehring, Tucholsky schrieben für die Valetti in den Dissonanzen von Rot und Schwarz, Klabund hatte der kindhaften Blandine Ebinger „Ich baumle mit de Beene“ geschrieben, Friedrich Hollaender widmete ihr die „Lieder eines armen Mädchens“. Ein neues Gespann hieß Marcellus Schiffer-Margo Lion. Schiffer schuf das weibliche parodistische Typenchanson.

Nach 1925 war der politische Elan der Anfangsjahre im Rückzug. Die große Zeit der kleinen Revue brach an. Intim, elegant, voller Pikanterie, verdankt sie ihre Qualität weitgehend dem Geist ihrer Autoren und Komponisten. Über Nacht schlug Schiffers Revue mit der Musik von Mischa Spoliansky „Es liegt in der Luft“ ein, über Nacht hatte Berlin seinen neuen Schlager; Margo Lion und Marlene Dietrich – bis zu diesem Zeitpunkt 1928 eine kleine Kabarettstatistin – ersangen ihn mit ihrem Duett von der „Besten Freundin“.

Elisabeth Pablé (Hg.): Rote Laterne Schwarzer Humor – Chansons des Jahrhunderts; München: Residenz Verlag 1964, S. 10 f.

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1983 1991 Biografisches Prosa Wissenschaft

Anthony Heilbut ist über „Die verlorene Bibliothek“ erstaunt

Anthony Heilbut, der Sohn emigrierter deutscher Eltern, hat 1983 eine große Monografie über die Emigration in die USA vorgelegt. In ihr bespricht er auch „Die verlorene Bibliothek“. Zwar stimmen nicht alle Fakten. So war Richard Huelsenbeck Herausgeber des Dada-Almanach von 1920. Er ist also nicht Walter Mehrings Buch, auch wenn Mehring Texte beisteuerte. Dennoch ist der Auszug aus dem 480 Seiten starken Taschenbuch lesenswert, weil er den Blick auf Mehring nicht mit der rein deutschen Brille wirft. Un in einem Jahr, in dem „Die verlorene Bibliothek“ neu im Elster-Verlag aufgelegt wurde, sind solche Fundstellen umso lesenswerter. (A.O.)

Den vielleicht wehmütigsten Abgesang auf die Emigrantenkultur stimmte unerwarteterweise Walter Mehring an. Im Unterschied zu den anderen Schriftstellern war er ein echter  Berliner, dort geboren und Sohn des Zeitungsverlegers Franz Mehring, der einst Rosa Luxemburg unterstützt hatte. Sein kulturelles Debüt hatte Walter Mehring im Alter von zweiundzwanzig ]ahren gegeben, als er zusammen mit seinem Freund George Grosz eine Dada-Matinee auf die Bühne brachte. Höhepunkt der Show war ein Wettrennen zwischen einer Nähmaschine und einer Schreibmaschine. Zwei Jahre später erschien, illustriert von George Grosz und verlegt von Wieland Herzfelde, sein Dada-Almanach von 1920. Mehrings Gedichte erinnern an Pop-Lyrik („Berlin, dein Tänzer ist der Tod – Foxtrott und Jazz -„), und das Kabarett war ihr Forum. Als Berlins führender Kabarett-Dichter fand Mehring bald Eingang in die Kreise um Brecht, Grosz und Reinhardt. Lange vor der überschätzten, unausgegorenen Pop-Poesie der sechziger Jahre schuf Mehring etwas wirklich Neues, verflocht Töne und Bilder zu Rhythmen seiner Stadt – ein Foxtrott am Rande des Abgrunds.

Mehrings Talent war nicht nur, wie Grosz vermerkte, beseelt von François Villon und Heine, sondern auch von anderen, überraschend literarischen Vorbildern. Der französische  Vaganten-Dichter und der frankophile deutsche Jude waren in der Tat angemessene geistige Ahnen. Mehring selbst verbrachte die zwanziger Jahre zum großen Teil in Paris. Tucholsky pries ihn als den ersten, der Berlin so sehe, wie die Welt gewöhnt sei, Paris zu sehen. Anfang der dreißiger ]ahre wollten die Nazis ihn verhaften. Sie fanden ihn wie gewöhnlich in einem Café, doch Mehring gab vor, nicht er selbst zu sein, entkam seinen Häschern und kehrte nach Paris zurück. Dort verlebte er die dreißiger jahre inmitten seiner Mitexilanten, und der Galgenhumor, mit dem er sie unterhielt, ließ auch den alten Berliner Kabarett-Geist  überleben. Während dieser Zeit entfremdete er sich zunehmend seinen marxistischen Freunden, die ihre Ideologie je nach Weisung Moskaus änderten. Der loyale Kommunist
Wieland Herzfelde hat Mehring die Abwendung von der Sowjetunion nie verziehen und warf ihm vor, deren Krieg mit Finnland (1939) ganz einfach mißverstanden zu haben. In einem Brief, den er Mehring zum fünfzigsten Geburtstag schrieb, nannte er ihn einen „bastard“.

Aus Frankreich entkam Mehring über Marseille und erreichte 1941 die USA. Er verbrachte die übliche unerfreuliehe Zeit in Hollywood und ging dann nach New York, wo auch seine alte Freundin Hertha Pauli und ehemalige Dadaisten-Kollegen wie Huelsenbeck, Grosz und Herzfelde lebten. 1944 erschien eine Sammlung seiner Gedichte, illustriert von George Grosz und übersetzt von einem linken amerikanischen Freund Erwin Piscators.  Vorübergehend arbeitete Mehring auch für die Propaganda-Abteilung des Office of Strategic Service und brachte sich später als Arbeiter in einer Fabrik auf Long Island durch.

1951 veröffentlichte er The Lost Library: Autobiography of a Culture, das er zum Teil auf der Tabakfarm eines Pazifisten und Jazzmusikers in New England geschrieben hatte. Wer hätte solch ein Buch von ihm erwartet? Mehring gedenkt der Berliner Bibliothek seines Vaters und bekennt sich damit zu der gelehrten humanistischen Tradition, der er  entstammte und die er mit seinem eigenen populären Stil einst schmähte. Aber irgendwie brachte die amerikanische Umgebung eine Annäherung zwischen Vater und Sohn, hoher Kultur und Kabarett. Mehring beschwört die Tradition mit jenem echten Berliner Ton, keck, dicht und sehr smart. Wenn er will, weiß er mit literarischer Mimesis so sorgsam umzugehen wie Erich Auerbach. Doch öfter noch ist er von ganz erdgebundener Respektlosigkeit: Marx ist ein unlesbarer alter Langeweiler, Nietzsche und Schopenhauer hat die Syphilis den Verstand geraubt. Mit Melancholie hat er als typischer Emigrant nichts im Sinn. Gegen den Kummer über die verlorene Bibliothek empfiehlt er gute Laune und guten Sex, nicht ein besseres Buch, sondern einen besseren Orgasmus.

Doch trotz seines smarten Tons ist es kein glückliches Buch, und am traurigsten ist es da, wo Mehring in literarischen Schätzen schwelgt und zugleich erkennt, wie nichtig und ohne Wert sie in der gegenwärtigen Zeit waren. Als Kabarettdichter und -komponist verstand Mehring sich auf sprachliche Rhythmen. Er sah, daß sich eine Veränderung der Wirklichkeit in der Grammatik widerspiegeln kann, noch bevor die Betroffenen sie wahrnehmen. Sprache vermag nicht viel, aber sie kann den Leser auf das vorbereiten, was in der Zukunft auf ihn wartet. Davon war Mehring überzeugt, und darum nahm er auch gegen Gide Partei für Proust. Gide hatte dem Iüngeren „willkürliche Behandlung der Zeiten“ und „verschwenderischen Mißbrauch des Subjunctivs“ vorgeworfen. Gide, so Mehring, sah nicht, daß Proust der Grammatik und der Syntax von Weissagung und prophetischen Träumen folgte und daß sein Subjunctiv der „Subjunctiv des Zweifels“ war. Dieser letzte glänzende Gedanke ist nicht nur gültig für die Ereignisse in Prousts Roman, er trifft auch das Emigrantenleben, denn im Bewußtsein vergangenen Verrats und Betrugs – „der Korruption aller Bindungen“ – weckte jeder erfüllte Wunsch Argwohn. Der Subjunctiv des Zweifels mißbilligte sehnendes Verlangen und gestattete eine schützende Distanz zu der inneren Gewißheit, daß unsere Hoffnungen entweder banal oder zum Scheitern verurteilt sind.

Die Bibliothek ist verloren. Die Weisheit, die sie enthielt, ist verstreut in Zeit und Raum, unendlich weit entfernt von einer New-England-Farm des Jahres 1950. „All diese Dinge existieren nur noch im Plusquamperfekt oder in einem passé defini“: Die Angelegenheit hat ihre grammatische Form gefunden und ist damit erledigt. Kundig zu lesen sei des Emigranten größtes Talent, schreibt Mehring, doch gibt er zu, daß die Besinnung auf Vergangenes ein müßiges Unterfangen sei, obwohl doch sein Buch beweist, daß es gerade jene Besinnung war, die den Emigranten half, durchzuhalten. Was bleibt? Was hat noch Sinn? Politisches  Engagement jedenlalls nicht, wenn es nach Mehring geht. Am besten ist es noch, nach „Korrektur seiner selbst“ zu streben: ein Rückzug oder Ausweg, der nicht weniger in die Enge führt als der Weg von Berlin auf eine Tabakfarm. Das Nächstbeste ist die Fähigkeit, andere zu unterhalten. In einer letzten Berliner Posse verrät man seine ernsthafte Seite und zieht sich auf die Komödie zurück. Einen Galgenhumoristen hängt man nicht: Die Emigration hat ihn gelehrt, daß es sich auszahlt, sein lnnerstes zu verbergen.

(Anthony Heilbut: Kultur ohne Heimat – Deutsche Emigranten in den USA nach 1930; Reinbek: rororo 1991; S. 281-283).

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2013 Biografisches Prosa Rezensionen Wissenschaft

Walter Mehring in neuer Biografie und seiner Autobiografie

  1. Es ist die Nacht vor dem Reichstagsbrand. Walter Mehring will einen Vortrag halten. Der Veranstaltungsort ist von SA umstellt. Doch Mehring gelingt die Flucht – nach Paris. Fünf Jahre später. März 1938. Die Nacht vor dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Wieder entwischt Walter Mehring den Nazis im allerletzten Moment. Zuvor wurde schon sein Hotelzimmer mit der Bibliothek des Vaters durchsucht. Frankreich 1940. Walter Mehring wird in Marseille verhaftet und in ein französisches Internierungslager gesteckt. Auch von dort gelingt ihm die Flucht – diesmal bis in die USA.
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2013 Biografisches Wissenschaft

Georg-Michael Schulz schreibt die erste Mehring-Biografie

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring
Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Georg-Michael Schulz hat eine viel zu lang klaffende  Lücke geschlossen: Vor wenigen Tagen ist die erste Biografie Walter Mehrings (1896 – 1981) erschienen; mit dem schlichten Titel „Walter Mehring“. 22 Jahre nach dem Tod des Dichters, Kabarettisten, Journalisten – oder wie er selbst ganz einfach sagte „Schriftstellers“ wird damit ein wichtiger Beitrag zur Erschließung des Werkes und des Lebens des Berliners und Exilanten geschaffen.

Das allein wäre schon verdienstvoll. Dank der präzisen und knappen Form, in der Schulz Leben und Werk zusammenfasst, ermöglicht er aber vor allem all jenen, die Mehring neu für sich entdecken einen perfekten Einstieg. Denn er hat all das weit verstreute Material, das es über Mehring in Nachworten, Rezensionen, Interviews, Briefen, Erinnerungen und vielen anderen Arten gibt, erstmals richtig gebündelt. Dabei schafft er es, sich nicht zu verzetteln, sondern einem stringenten Erzählweg zu folgen.

Der besteht vor allem aus der Analyse aller Werke Mehrings in chronologischer Reihenfolge. Dabei betrachtet er auch die Bücher und Texte, die bislang etwas stiefmütterlich behandelt wurden. Das gilt vor allem für die Prosa Mehrings, da die Dramen in den vergangenen Jahren – auch von Georg-Michael Schulz – verstärkt interpretiert wurden. Von der Lyrik ganz zu schweigen, die schon immer am stärksten rezensiert und wissenschaftlich analysiert worden war.

Neben der Fülle an Verweisen und Informationen besticht vor allem die offensichtliche Sympathie Schulz‘ für Mehring. Dessen ausgefeilte Sprachakrobatik, dessen nahezu unerschöpfliche Fülle an formaler Varianz und dessen unglaubliche Bildung nötigen Schulz nicht nur Respekt ab – bei begeistern ihn offenbar. Für die Biografie ist das gut, denn der Leser wird so trotz der vielen Fakten immer wieder mitgerissen, um das ganze Buch zu lesen und nicht nur die Passage, für die er sich gerade interessiert. Dabei wird Schulz aber nicht zu einem bedingungslosen Mehring-Jünger. Er wahrt die nötige Distanz, um das Werk und das Leben Mehrings fundiert einordnen zu können. Dazu gehört auch, dass er Mehring in seiner Zeit und und in seiner Zerrissenheit, vor allem im Alter gerecht wird. Ein 70 Jahre alter Mann könne nicht mehr wir ein 30-Jähriger schreiben, meint Schulz einmal – und nimmt Mehring damit ikn jedem Lebensalter sehr ernst.

Das einzige, was dem Buch fehlt, ist eine Einordnung des Ehemanns Walter Mehring. Über die Ehe mit Marie-Paule, geborene Tessier, schreibt Schulz wenig. Dabei wird nicht klar, ob es über diese ziemlich unbekannte Phase wirklich keine Quellen gibt, oder ob es dazu im Nachlass von Marie-Paule Mehring, doch noch einiges zu finden wäre. Aber dies ist wirklich nur ein Nebenaspekt, der den Verdienst der ersten Mehring-Biografie keinesfalls schmälern soll.

P.S. Georg-Michael Schulz hat auch zu diesem Blog schon viele hilfreiche Korrekturen und Anmerkungen beigesteuert.

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1935 1985 Biografisches Prosa Wissenschaft

Murray G. Hall erläutert Walter Mehrings Arbeit für den Gsur-Verlag

1985 hat der Literaturwissenschaftler Murray G. Hall seine „Österreichische Verlagsgeschichte 1918 – 1938“ veröffentlicht. In ihr rekonstruiert er die Geschichte des Gsur Verlages, in dem 1935 Walter Mehrings zweiter Roman „Müller – Chronik einer deutschen Sippe“ erschien. Darin analysiert er auch, inwiefern das Deutsche Reich auf Österreich wegen des Romans Druck ausübte: 

Nach der Wiederaufnahme seiner Verlagstätigkeit 1935 kündigte Ernst Karl Winter im September[17] eine Reihe von Neuerscheinungen an und leitete hiemit eine neue Phase ein mit Büchern, die von anderen Verlagen großteils kaum angenommen worden wären. Einige Wochen später legte Winter die Verlagslinie klar fest:

Im Sinne der bisherigen Orientierung unserer literarischen Produktion werden wir literarische, politische und wissenschaftliche Publikationen aus drei verschiedenen Gebieten veröffentlichen. Die Reihe A unserer Publikationen wird die soziale Linie fortsetzen, die das Buch „Arbeiterschaft und Staat“ und die Zeitschriften der „Österreichischen Arbeiter-Aktion“ begonnen haben. Die Reihe B unserer Publikationen wird die österreichische Linie fortsetzen, die in der Reihe „Österreichische Religion und Kultur“ in bisher vier Publikationen, sowie in dem Werk über Rudolph IV. vorliegt. Die Reihe C unserer Publikationen wird die antinationalsozialistische Linie fortsetzen, die in den Schriften von Thomas Murner grundgelegt wurde. Viele unserer Leser werden sich für alle drei Reihen interessieren, viele nur für diese oder jene Reihe. Wir bitten sie alle, uns dieses Interesse bald bekanntzugeben, weil wir nur auf dieser Grundlage vorausblickend arbeiten können. [18]

Es folgten nun nach einer Aufstellung des seinerzeitigen Verlagslektors Heinz innerhalb von 15 Monaten – also bis Ende Oktober 1936 – acht Verlagswerke, darunter Romane, Lyrik und Bühnenstücke, die alle konsequent und kompromißlos in der bisher verfolgten Anti-NS-Linie lagen. [19] Es handelt sich um folgende Werke:

Walter Mehring, Müller. Chronik einer deutschen Sippe. Roman. (1935) Hermynia Zur Mühlen, Unsere Töchter die Nazinen. (1935)

Andreas Hemberger, Barabbas. Erzählung aus der Zeit Christi. (1936) Peter Drucker, Die Judenfrage in Deutschland. (1936)

Walter Berger, Was ist Rasse? Versuch einer Abgrenzung ihrer Wirksamkeit im seelischen Bereich. Mit Berücksichtigung des jüdischen Rassenproblems. Hrsg. von der Philipp-Spitta-Gedächtnis-Gesellschaft. (1936)

Albert Ganzert (Pseudonym), Die Grenze. Ein Schicksal aus 600.000. (Bühnenstück, 1936)

Theodor Kramer, Mit der Ziehharmonika. (1936)

Ernst Karl Winter, Rudolph IV. Zweiter Band. (1936)

Zum Zeitpunkt der erzwungenen Einstellung der Verlagstätigkeit im Herbst 1936 soll der komplette Umbruch zweier Romane vorgelegen haben, und zwar:

Ernst Gläser, Der letzte Zivilist. [20]

Walter Zwehl, Magd am Hakenkreuz.

Ernst Karl Winters Feststellung im Oktober 1935, der Verlag würde auch eine „anti-nationalsozialistische Linie“ verfolgen, lag einem heimlichen Beobachter besonders schwer im Magen, dem Deutschen Gesandten in Wien, Franz von Papen. Und erinnert man sich an den „Geist“ des Juli-Abkommens, das wenige Monate danach unterzeichnet wurde, also an die „Normalisierung“ der freundschaftlichen Beziehungen mußte so etwas „anachronistisch“ anmuten. So galt der Unmut von Papens den ersten zwei Buchveröffentlichungen im Herbst 1935, also Walter Mehrings Satire Müller und Hermynia Zur Mühlens Roman Unsere Töchter die Nazinen. Und gerade über das Schicksal dieser beiden Bücher herrschen noch irrige Auffassungen vor, dahingehend, daß beide, und zwar auf Veranlassung von Papens, von der österreichischen Behörde mit einem Verbot belegt worden wären. Dem ist nicht so, wie eine Untersuchung über Walter Mehrings Aufenthalt in Österreich 1934-38 aufgezeigt hat. [21] Hier kurz zum Hintergrund dieser beiden Fälle: In einer Verbalnote (A 3054) der Deutschen Gesandtschaft in Wien vom 14. Dezember 1935 legte von Papen beim Bundeskanzleramt – Auswärtige Angelegenheiten – Protest ein. Der Text der Verbalnote verrät ziemlich genaue Kenntnisse des Gsur-Verlags und von dessen Inhaber. Über den satirischen Roman des aus Deutschland ausgebürgerten, nun staatenlosen Walter Mehring verliert von Papen folgende Worte:

(…) In seiner antinationalsozialistischen Tendenz und in der offenbaren, besonderen Absicht, die Bedeutung von Blut und Boden im Völkerleben lächerlich zu machen, hat der Verfasser mit seinem Roman „Müller, Chronik einer deutschen Sippe“ ein Machwerk geliefert, das das Deutschtum mit dem zu großen Teil als geradezu pornographisch zu bezeichnenden Inhalt in empörendster Weise herabwürdigt und verletzt. [22]

Darauf folgte die sanfte, in diplomatischer Watte verpackte Aufforderung, das Buch ehestens beschlagnahmen zu lassen:

Die Deutsche Gesandtschaft würde mit besonderem Dank anerkennen, wenn das Bundeskanzleramt – Auswärtige Angelegenheiten – das genannte Buch prüfen und die sich darauf für die Wahrung der Sittlichkeit und das damit verbundene gesamtdeutsche Interesse ergebenden Folgerungen ziehen würde. (Ebda.)

Der Aufforderung kam man österreichischerseits nicht nach. Dies im Gegensatz zu mehreren Behauptungen nach dem Zweiten Weltkrieg, u.a. beim Hochverratsprozeß gegen den Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten, Guido Schmidt, im Jahre 1947. So schrieb der ehemalige Verlagslektor Karl Hans Heinz in sehr temperamentvoller Weise im März 1946 wohl in Reaktion auf die tägliche Zunahme von denjenigen, die in den 30er Jahren als „Widerstandskämpfer“ gegen den Nationalsozialismus tätig gewesen sein wollten:

Und was taten jene Österreicher, die heute behaupten, sie hätten in jenen Jahren allein die Last des Kampfes gegen die Nazi getragen? Haben sie für eine möglichst große Verbreitung der oben angeführten Bücher gesorgt? Haben sieden Verlag unterstützt und gefördert?

Es geschah etwas, das ganz unglaublich klingt und das man heute gern nicht wahrhaben möchte:

Die Auflagen der Werke von Hermynia Zur Mühlen und von Walter Mehring, also fein-geschliffene Waffen für den Kampf gegen Hitler, wurden von der Wiener Polizei beschlagnahmt und gegen die Verlagsleitung die Untersuchung wegen Hochverrates eingeleitet. [23]

Anders verhielt es sich im Fall des zweiten genannten Werkes. Am Tage nach der ersten Verbalnote der Deutschen Gesandtschaft in Wien traf eine zweite solche diplomatische Note beim Bundeskanzleramt – Auswärtige Angelegenheiten – ein. Diesmal ging es um ein neulich erschienenes Buch, „das außer dem die nationalsozialistische Bewegung im Reich verleumdenden und verunglimpfenden Gesamtinhalt in zahlreichen Stellen schwere persönliche Beleidigungen des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler, von Mitgliedern der Reichsregierung und auch herabsetzende Bemerkungen über den deutschen Gesandten von Papen enthält.“ [24] Gegenstand des Protests war „das als Roman bezeichnete Buch“ Unsere Töchter, die Nazinen von Hermynia Zur Mühlen (1883-1951). Ein Beamter der Deutschen Gesandtschaft konnte auch eine Reihe „unmittelbarer Beleidigungen“ samt Seitenzahl und Textstelle als Beweis anführen. Da heißt es weiter:

Indem die Deutsche Gesandtschaft mit dem allgemeinen Einspruch gegen den Inhalt des in Frage stehenden Buches im besonderen gegen diese schweren Beleidigungen des Staatsoberhauptes des Deutschen Reiches sowie der Mitglieder der Reichsregierung schärfste Verwahrung einlegt, richtet sie an das Bundeskanzleramt – Auswärtige Angelegenheiten – das dringende Ersuchen, gegen die Verfasserin des Romans, falls sie sich in Österreich befindet, und gegen die für die Herausgabe des Buches verantwortliche Person entsprechende Strafmaßnahmen sowie die Beschlagnahme bzw. ein Vertriebsverbot für den Roman „Unsere Töchter, die Nazinen“ veranlassen zu wollen.

Wien, den 15. Dezember 1935.

Die provokant feindselige Einstellung des Werkes gegen den Nationalsozialismus und gegen das Gesetz betreffend die Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter hätte – im Interesse gutnachbarlicher Beziehungen – zwar Anlaß geboten, gegen den Roman vorzugehen, aber die Abteilung 13 im Bundeskanzleramt war nicht geneigt – und schon gar nicht auf Geheiß es ungeliebten Franz von Papen – den in diplomatischem Drohton gehaltenen Wünschen zu entsprechen. Nur: man fand einen kuriosen Ausweg, da man nun auf dieses Werk aufmerksam gemacht worden war. Denn nach näherem Studium des Romans wurde festgestellt, der Roman zeige „eine ausgesprochen marxistische, ja kommunistische Tendenz (S. 112, 127, usw.), vermischt mit Bemerkungen, die eine frei-denkende, religionsfeindliche Einstellung bekunden. (…) Es scheint fast, daß neben oder unter der Maske der Feindschaft gegen den Nationalsozialismus eine deutliche sozialrevolutionäre Propaganda getrieben werden soll!“ (ebda.) Das war natürlich etwas anderes. Abteilung 13 des BKA trat daher energisch dafür ein, das Buch sofort zu beschlagnahmen und aus dem Verkehr zu ziehen. Besonderer Grund neben den unterstellten Beleidigungen war die „darin fast unverhüllt aufscheinende marxistisch-kommunistische Propaganda“ (ebda.). Das Verbot wurde offiziell in der Liste 2 vom 13. Februar 1936 kundgemacht[25]; es erfolgte, weil das Werk eine unerlaubte Förderung der Kommunistischen Partei darstellte und nicht – was deutschen Wünschen mehr entsprochen hätte – wegen der strafbaren Beleidigungen ausländischer Staatsoberhäupter.

Unter den eigentümlichen Aspekten der NS-Literaturpolitik nach dem März 1938, in diesem Fall der Selbstrechtfertigung, scheint die Abrechnung mit Papp-Kameraden beliebt gewesen zu sein. Anders ist die wütende Reaktion der Essener Nationalzeitung, nicht zu verstehen, die nach langjährigem Verbot widerwillig zur Verbreitung in Österreich zugelassen wurde, um nicht den Völkischen Beobachter zulassen zu müssen, und die sich am 22. April 1938 dem Gsur-Verlag widmete:

Mit der Vereinigung und Schaffung Großdeutschlands ist diesem Spuk zwar für alle Zukunft ein Ende bereitet worden, aber die Erinnerungen an die eine schlimmste und schmählichste Zeit im österreichischen und speziell Wiener Verlagsleben möge trotzdem bleiben. [26]

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1939 2012 Biografisches Uncategorized Wissenschaft

Die Süddeutsche berichtet über Gedenken in Les Milles

Wie viele deutsche Intellektuelle wurde auch Walter Mehring in Frankreich nach Beginn des 2. Weltkrieges interniert. Zwar war er nicht in Les Milles wie viele andere deutsche Emigranten Er war in Camp de Falaise (Herbst 1939 bis Februar 1940) und St. Cyprien (September bis November 1940), so wie es Michael unten in seinem Kommentar richtig angemerkt hat. Joseph Hanimann hat in der Süddeutschen Zeitung am 10. September 2012 in einem großen Artikel am Les Milles erinnert. Auch wenn Walter Mehring nicht dort war, ist der Text dennoch lesenswert, weil er einen guten Einblick in die Zustände gibt:

Mahnmal Les Milles in Frankreich
Wo der Widerstand geholfen hat

„Zwischen Wissenschaft und politischem Engagement: An diesem Montag wird in Frankreich das ehemalige Internierungslager Les Milles als Mahnmal gegen Diskriminierung und Menschenverfolgung eröffnet. Doch die Aktualisierung von Geschichte stößt hier an ihre Grenzen.

Im Brennspiegel des Internierungslagers Les Milles frisst die Geschichte ein Loch ins Bild der République. Wahrscheinlich war deshalb die Herrichtung dieses Orts zur Gedenkstätte so langwierig. Als Jacques Chirac 1995 als erster französischer Präsident die Politik des État français unter Pétain in die Kontinuität der Dritten Republik stellte, war die Bemühung um dieses einzige noch erhaltene unter Frankreichs großen Internierungslagern schon seit zwölf Jahren im Gang. Es sollte dann weitere 17 Jahre dauern. Nun ist es so weit. An diesem Montag wird im Beisein des Premierministers Jean-Marc Ayrault das Camp des Milles als Mahnmal gegen Diskriminierung und Menschenverfolgung eröffnet. Die Aufarbeitung von Vichy geht weiter voran. In zwei Wochen soll auch im Pariser Vorort Drancy, wo einst die Züge nach Auschwitz abfuhren, ein vom Schweizer Architekturbüro Diener & Diener entworfenes Mahnmal als Außenstelle des Pariser Mémorial de la Shoah eröffnet werden.“

Der ganze Text bei sueddeutsche.de

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2012 Wissenschaft Zeitschriften

Ulrich Tietze würdigt Mehring im Deutschen Pfarrerblatt

Im „Deutschen Pfarrerblatt“ (Nr. 5, 2012) hat Ulrich Tietze einen längeren Text über „Kriegstheologie und ihre Satiriker“ veröffentlicht. In ihm gibt es auch eine Passage über Walte Mehring, die hier zitiert wird. Der gesamte Text findet sich hier…

3.3. »Seelenmesse für Agnostiker, Wortgläubige und unbekehrbare Freigeister« – Walter Mehring

Zweifellos war Walter Mehring einer der interessantesten und auch begabtesten der Satiriker in dieser Zeit; der Kabarett-Chronist Klaus Budzinski schreibt über ihn: »Mehrings Sprachgewalt und lyrische Potenz hob das Chanson im Kabarett auf ein Niveau, das vor ihm nur Frank Wedekind und nach ihm niemand mehr erreicht hat.«34 Mehring hat, vielleicht mehr als andere Autoren der »Neuen Sachlichkeit«, religiöse Formen und Überschriften benutzt: eines seiner Bücher (eine Zusammenstellung von 1966, die Formen stammen aus der Weimarer Zeit), noch heute erhältlich und in vielfacher Hinsicht unvermindert lesenswert, trägt den bezeichnenden Titel »Neues Ketzerbrevier«35 mit dem Untertitel »eine Seelenmesse für Agnostiker, Wortgläubige und unbekehrbare Freigeister« und beinhaltet tatsächlich eine Vielzahl von religiösen Anspielungen und – natürlich satirisch verfremdeten – Formen. Beispiele: »Litanei« mit den Versen »Kyrie eleison – / alle Stätten / die dich loben / die uns ketten / an das Droben / mit Gelübden / und Geboten / in den Krypten / der Zeloten / von der Qual / und allem Jammer / in Spital / und Folterkammer / Alle die dich loben, Gott, / blutverwoben und bigott, / Herr, befreie uns davon – / Kyrie eleison!«36 Wird hier auf das Auseinanderklaffen der Lehre Jesu und der kirchlichen Praxis angespielt, so lässt sich diese Kritik auch in anderen Versen Mehrings entdecken.

Verdienstvoll bleibt aus meiner Sicht bei diesem Schriftsteller insbesondere eines: er stellte einen schlüssigen Zusammenhang zwischen dem »Hexenhammer« und Hitlers »Mein Kampf« her. In der Bibliothek seines Vaters, genauer in der Abteilung »Giftschrank«, fand Mehring den »Hexenhammer«. Er las ihn »wollüstig angeekelt«, verspürte allerdings »eine unvergessliche Schockwirkung«37 und unterzog ihn später einer gründlichen Analyse, bei der er weitgehende Parallelen zum Hitler-Buch fand: »Den Hexenwahn hat der Rassemythos ersetzt«; der Jude sei »in seiner Gemeinheit so riesengroß, dass sich niemand zu wundern braucht, wenn in unserem Volke die Personifikation des Teufels als Sinnbild alles Bösen die leibliche Gestalt des Juden annimmt.«38 Mehring sah viel früher als viele andere, dass sowohl durch die Hexenjagden als auch durch die NS-Verbrechen »das Martern von Menschen in ein geregeltes System gebracht« wurde – und er sah vor allem: »… all diese Henkersknechte waren ja nicht verhungerter, rachesüchtiger Pöbel. Ehrsame Bürger waren sie; pflichttreue Schinder, gewissenhafte Akademiker der Bestialität.«

Im Grund stellt sich auch bei Mehring die Frage nach dem Verhältnis von Gehorsamsforderung durch Staat, Kirche, Militär – und dem Recht auf eine eigene Meinung. Dass Mehring Deutschland nach Hitlers Machtantritt unter Lebensgefahr verlassen musste, gehört, wie bei vielen der besten Schriftsteller damals, zu den tragischen Aspekten des Lebens dieses Autors. Er selbst hätte diese Zeit in Deutschland kaum überlebt. Seine Schriften bleiben aktueller, als er selbst es wohl für möglich gehalten hat.

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1995 Prosa Wissenschaft

Wenn Müllers in Paris Tyrannen morden

Die Prosa Walter Mehrings am Beispiel seiner Romane
Wenn Müllers in Paris Tyrannen morden - Die Prosa Walter Mehrings am Beispiel seiner Romane | von Andreas Oppermann

Die gesamte Diplomarbeit findet sich als pdf hinter diesem Link…