Walter Mehring unterstützt Erika Mann mit Sarkasmus

Erika Mann: Briefe und Antworten

New York, 20.4.1944
Hotel Park Plaza

Verehrte Erika Mann:

Erika Mann: Briefe und Antwortengestatten Sie mir, Ihnen auf Ihre „Ablehnung“ – folgende Entgegnungen zu senden:
1) Sie sind nicht objektiv genug …
2) Haben Sie vergessen, daß auch Hans Sachs, die Marlitt und
der Struwelpeter Deutsche waren?
3) Die Deutschen sind im Grunde nie Nazis geworden, ihre Zahl ist sehr gering und arbeitet in der überwiegenden Majorität heimlich für die Untergrundbahnbewegung…
4) Das Volk ist irrtümlich verführt worden und hat die Polen, Tschechoslowaken und Juden bloß deswegen ausgerottet, weil es sich so sehr über den Versailjer Schandfrieden und den Oberbürgermeister Böss gekränkt hat.
5) Man muß das deutsche Volk, das im Gegensatz zu andern Völkern unter Hitler so gelitten hat, durch Güte erziehen, damit es wieder ein gleichberechtigtes Mitglied der Aufrüstung wird. Dann können die andern noch was von ihm lernen.
6) Es gibt nicht nur Hitler-Deutschland – es gibt auch ein „anderes Deutschland“. Für uns kann es garnicht genug Deutschlands geben…
7) Sie sind nicht objektiv …

Dies wünscht Ihnen
Ihr herzlichst ergebener Walter Mehring

(Mann, Erika: Briefe und Antworten; Hg. v.: Prestel, Anna Zanco; München: Edition Spangenberg 1984; Bd. 1, S. 189 ff.

"Eine Ablehnung", Artikel von EM in: Aufbau, Jg. 10, H. 16, New 
York 21.4.1944, S. 7:
"Sie bitten mich, im »Aufbau« zum Problem des »anderen«, des 
»gute« Deutschland Stellung zu nehmen und meine - ablehnende - 
Haltung seinen Aposteln gegenüber für Ihre Leser zu begründen.

Gut denn: das Gebaren der »Freien Deutschen« in diesem Lande miß-
billige ich zutiefst, weil dem A und O ihrer Umtriebe, - ihrer
These von der Verschiedenartigkeit der Nazis und der Deutschen - 
täglich von den Tatsachen aufs blutigste widersprochen wird. Bis 
zum Tage des Kriegsausbruches mochte man an ein »anderes« 
Deutschland glauben, mochte sich einreden, daß eine Majorität »gu-
ter«, wenngleich verblüffend inaktiver Deutscher von den Nazis 
niedergehalten sei. Mir selbst waren derlei Vorstellungen nicht 
fremd, wiewohl an ihnen festzuhalten von Jahr zu Jahr schwieriger
wurde. Als aber ein bis zu den Zähnen bewaffnetes Reich, weit da-
von entfernt, seine Waffen gegen seine »Versklaver« zu erheben,
über Europa hergefallen war, zerstob der Wunschtraum. In der Ge-
genwart, soviel war deutlich geworden, zählte dies »andere« 
Deutschland nicht. Deutlich geworden, wem? Nicht den exilierten 
deutschen Politikern, die selbst heute noch der von Deutschland 
zerrütteten Welt von der Unschuld des deutschen Volkes schwätzen. 
Schuld ist Hitler! Die Gestapo ist schuld! Was, angesichts dieser
Deutschen, sollten die Deutschen tun? Nur, was, trotz der Gestapo,
die Völker Europas - machtlose, entwaffnete, hungernde, unterwor-
fene Völker - seit langem tun: ihr Äußerstes und Bestes, um dem 
Unsäglichen ein Ende zu machen. Stattdessen tun sie ¬ noch immer 
und bis zum Ende - ihr Äußerstes und Bestes für Hitler und seinen 
Krieg. Wie die Löwen kämpfen sie an allen Fronten. In grauenvoller
Einhelligkeit betreuen sie daheim die Kriegsmaschine des »Führers«
und, während in den besetzten Gebieten die Sabotage-Akte der Pa-
trioten sich häufen, wissen selbst unsere exilierten Politiker von
den Taten der deutschen Antifaschisten kein Lied zu singen. Ihr 
Lied beschimpft die Welt, die es schließlich müde geworden ist, 
dem feinen Unterschied zwischen Nazis und Deutschen nachzuträumen,
- müde, im Kampf gegen Deutschland.

Die deutsche Niederlage, der sie gespalteten Gefühls entgegense-
hen, trachten sie schon heute in eine reinigende, alles sühnende 
Revolution umzufälschen, - als ob der totale Zusammenbruch eines 
fürchterlich geschlagenen Volkes mit Revolution auch nur etwas 
zu tun hätte. Und schon heute vertreten sie, die Bankrotteure der 
deutschen Republik, die Machtinteressen des »geläuterten« Reiches.
Mitten im Kriege und in Ländern, die ihnen Gastfreundschaft gewäh-
ren, gründen sie ihre Vereine, verfassen sie ihre Proklamationen 
und scheuen sich nicht, die Menschheit mit dem dritten deutschen 
Weltkrieg zu bedrohen, für den Fall nämlich, daß ihre Ratschläge 
refusiert werden sollten. Das deutsche Verbrechen, das sie ein 
Nazi-Verbrechen nennen, hätte die Welt verhüten können und müssen.
Sie aber tun, als tilge das Versagen der Polizei die Schuld des 
Verbrechers, gegen den sich in Zukunft zu sichern, ja, dem auch 
nur eine Bewährungsfrist zu setzen, sie verbrecherisch schelten. 
Der Krieg, den sie so hitzig führen, ist nicht unser Krieg.

Es ist, ich muß es aussprechen, ein Jammer und eine Schande und 
denkbar ungeeignet, Zeugnis abzulegen für ein besseres Deutsch-
land. Die Welt wäre glücklich, es geboren und sich bewährenzu 
sehn. Die Welt kämpft und wartet." )

Walter Mehring stellt Erika Mann eine Rechnung

Erika Mann: Briefe und Antworten

25.8.1934

Teuerste E.M. Ausrufungszeichen

Aus Ihren werten Mustern hab ich mir das tapfere Schneiderlein ausgesucht und sende ich Ihnen selbes gleich zur Anprobe.
Mit dem Schneiderlein ist natürlich ….. gemeint, was ich energisch ableugne, weil es ganz unpolitisch ist.
Ich habs meiner (sehr häßlichen) Nervenverfassung direkt abgeboxt. Würden Sie mir das Eintreffen des tapferen, leicht monomanen Schneiderleins melden?
Und herrlich wärs, Sie dächten mal an mich aus den Geleisen Geratenen. Hier ist nämlich natürlich garnichts mehr zu wollen.
Wissen Sie nicht was in Zürich?
Und schönste Grüße an Ihren ganzen Thespiskarren
von Ihrem WM.

Und nun gehen Sie bitte mal raus und schicken Sie mir die Frau Derektern rein!

 Geehrte Dame,
 erlaube mir anbei eine Figur nach Maß nebst quittierter
 Rechnung zu senden:
 Eine Figur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  0,75 Rappen
 19 Reime à 50 Francs . . . . . . . . . . . . . . . . . 950 Francs
 Stundenlohn (Stunde 1 Franc)                   7 Francs 80 Rappen
 Zugaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Franc 15 Rappen
 _________________________________________________________________
                                              959 Francs 70 Rappen
Selbige Summe (Ausnahmepreis) bitte ich, mir höflichst anläßlich 
meiner baldigen Geschäftsreise nach der Schweiz auf mein Schweizer
Bankkonto überweisen zu wollen!
Hochachtungsvoll                                     Mehring & Co.

So Sie dürfen wieder eintreten! Ich hab bloß Ihrer Prinzipalin die Rechnung präsentiert; ne, ganz bescheiden, weils doch für Sie ist! Sind doch ’ne alte Kundin von mir! Schärfen Sie ihr doch bitte noch mal ein, daß sie mir die paar Pfennige in der Schweiz auszahle, wohinnen ich komme!                Derselbigte

Kleine Gebrauchsanweisung: man kann selbiges Chanson leicht und einfach szenisch gestalten, indem daß man die übliche Schneiderpuppe aufstellt, sich außerdem einer großen Schere und einer Nadel bedient, auch eines Lappens, um nach den Fliegen zu schlagen.
Man trage das Chanson unpathetisch vor und etwas keifend, dergestalt, daß der Diktatorfimmel des Schneiderleins lächerlich wirke.
In der ersten Strophe wird genäht – Refrain Anfang parlando; der Schluß wieder gesungen.
Zweite Strophe wird anprobiert – Spiel mit der Schneiderbüste und dem daran hängenden Rock – bei: Oh es kneift Sie im Schritt wird das Schneiderlein wieder ängstlich und devot…
(Sieben Fliegen) wütend gesummt…
Es waren ihrer sieben – das war nicht übertrieben: zum Publikum als Einwand auf jeglichen Protest…
In der dritten Strophe hantiert das Schneiderlein zuschneidend wild mit der Schere Refrain: erste beide Zeilen ganz parlando, sehr einfach konstatierend gesprochen (bloß nich pathetisch!).
Zu den letzten zwei Zeilen: die Schere mit der Rechten aus der linken Hand ziehen wie ein Schwert aus der Scheide und die Schere dann zum Schluß hochhalten wie ein Schwert!

Erika Mann: Briefe und Antworten(Dieser Brief Walter Mehrings ist erschienen in: Mann, Erika: Briefe und Antworten; Hg. v.: Prestel, Anna Zanco; München: Edition Spangenberg 1984; Bd. 1, S. 52 ff. 
Das Chanson, um das es in dem Brief geht ist „Die Vogelscheuche“.)

Verbotene und geförderte Literatur der Nazis 1936

IN DEUTSCHLAND VERBOTEN
Wir legen wieder einmal eine Liste der im Dritten Reich verbotenen ausländischen Druckschriften vor. Sie umfaßt diesmal die Zeit vom 8. Jänner bis 29. Februar. Die 30 Verbotsnummern verteilen sich auf 12 Länder, und zwar entfallen auf die Schweiz 7, auf Frankreich 6, auf Oesterreich 5, auf die Tschechoslowakei, Danzig und Litauen je 2, auf England, Belgien, Luxemburg, Polen, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion je 1. Von den verbotenen Zeitungen und Zeitschriften ist die Hälfte katholisch. „Verbotene und geförderte Literatur der Nazis 1936“ weiterlesen

„Der Christliche Ständestaat“ empfiehlt „Müller, Chronik einer deutschen Sippe“

Müller - Chronik einer deutschen Sippe (1935)

MÜLLER, Die CHRONIK EINER DEUTSCHEN SIPPE, von Walter Mehring, Verlag Gsur & Co., Wien.

Müller - Chronik einer deutschen Sippe (1935)Ein Buch, das einer weder auf österreichischem, noch auf katholischem Boden heimischen,  ja vielleicht allzusehr vernachlässigten Spezies angehört: der des satirischen Romans. Diese Vernachlässigung ist kein Zufall, sondern sie beruht auf einer begründeten Skepsis gegen das nur Negative, das Nicht-Aufbauende. Diese Skepsis ist an sich gesund, aber sie kann auch übertrieben Werden, und der Katholizismus deutscher Sprache, zumal in Oesterreich, befindet sich möglicherweise in der Gefahr der Uebertreibung, was sich in einer gewissen sterilen Unlebendigkeit katholischer Publizistik und einer noch gefährlicheren Angst vor der entschiedenen, und sei es negativen Stellungnahme gegen zu negierende Dinge auswirkt, die an dieser Stelle einmal treffend der „Immerhin-Komplex“ genannt wurde. Für diesen Komplex ist ein Buch wie das vorliegende von Walter Mehring, geradezu Medizin. Eine Medizin kann ja auch bitter sein und süß und angenehm ist dieser satirische Roman, der die Geschichte einer deutschen Sippe von Tacitus bis Hitler in kurzen, treffend gezeichneten Bildern bringt, sicher nicht. Wir möchten ihn in der Hand vieler Oesterreicher und Katholiken sehen, – nicht, weil er irgendwie österreichisch oder katholisch wäre (davon ist der Autor trotz vieler gleichlautender Urteile weit entfernt), sondern weil in ihm Dinge stehen, die für Oesterreicher und Katholiken gut und gesund zu hören sind. Und zwar nicht nur, obwohl, sondern weil dieses Buch notwendigerweise bei beiden Anstoß erregen muß. Denn dieser Anstoß zwingt zur Auseinandersetzung, – zur Auseinandersetzung mit dem satirischen Weg, einen Feind anzugreifen, im allgemeinen und mit der These dieses satirischen Romans im besonderen. Diese These ist, kurz gesagt, die logische Entwicklungslinie im deutschen Wesen, die schließlich bis zum Nationalsozialismus geführt hat. Daß Deutschtum und Nationalsozialismus nicht dasselbe sind, wissen wir, – aber dieses Buch meint ja nur das Negative, die Schattenseite und zeigt in ihr eine Linie, die Luther und Hitler, Preußentum und Nationalsozialismus in ihren spezifischen Mängeln, Schwächen und Gefahren miteinander verbindet (wobei bemerkt werden muß, daß die Durchführung dieser These für unser Gefühl für Gegenwart, Nachreformationszeit und für das vorchristliche Germanentum weit besser und überzeugender gelingt, als für das christliche Mittelalter). Das Buch will nicht leugnen, daß dieser Schattenseite auch Lichtseiten gegenüberstehen, aber es abstrahiert von ihnen, wozu der Satiriker das Recht hat, um die Kritik desto schärfer herauszuarbeiten. Man kann der Satire ebensowenig Einseitigkeit, Uebertreibung des Negativen, Ueberbetonung einzelner Momente vorwerfen, wie der Karikatur, denn das ist ihr Wesen. Innerhalb dieses Rahmens und mit allen weltanschaulichen Vorbehalten, – die uns in ihren Konsequenzen manches unter die „Ahnen“ des -Nationalsozialismus zählen läßt, das Mehring nicht dazuzählt, und manches, insbesondere im Mittelalter, nicht, was er dazurechnet, – muß dieser satirische Roman in der Kürze und Treffsicherheit seiner Darstellung, der beißenden Schärfe seiner Ironie und den amüsanten Einfällen, die gerade in ihrer Zufälligkeit so gut herausarbeiten, was gemeint ist, – als ein gelungener Wurf bezeichnet werden, ein Buch, mit dem sich auseinanderzusetzen, jedenfalls lohnt, und dessen Thesen wir gerade in Oesterreich allen Anlaß haben, sehr zu beachten, auch wenn wir zu dem Schluß kommen, daß sie einseitig und übertrieben sind. Sie bieten, als ein Zeugnis von der „anderen Seite“ sozusagen die Probe aufs Exempel, ob unsere oft nur gefühlte und instinktmäßige Abneigung gegen eine gewisse deutschländische Entwicklung berechtigt ist oder nicht. Mit diesem Buch ist kein Verdikt gegen das Deutschtum gefällt, – auch nicht in seiner protestantischen und preußischen Form, etwa, weil beide den Nationalsozialismus vorbereitet hätten, sondern dieser ist entlarvt, weil er allen Gefahren und Schwächen des deutschen Wesens, des Preußentums und der Reformation zum hemmungslosen Durchbruch verholfen hat, ohne sie durch deren Gutes und Positives zu mildern.

(Anonymus: Anonymus: Müller, Chronik einer deutschen Sippe; in: Der Christliche Ständestaat Nr. 5/2. Jg. vom 22. Dezember 1935; S. 1236)

„Die Neue Weltbühne“ lobt „Und Euch zum Trotz“

Chansons zum Trotz

Und Euch zum Trotz
Und Euch zum Trotz

Vergriffen. Bescblagnahmt. Verboten. Verbrannt. Diese vier Worte kennzeichnen das Schicksal der Lieder, Gedichte und Balladen Walter Mehrings. Es ist deshalb zu begrüssen, dass der Verlag des Europäischen Merkur in Paris mit der vorliegenden Auslese aus dem Mehringschen Schaffen den „guten Liedern eines bösen Spotts“ die Möglichkeit gewährt, sich den fascistischen Gewalten zum Trotz zu erhalten.

Mehring verabscheut das Regime, das zum Krieg treibt, auf Exerzierplätzen seinen Volksgenossen das Denken ausdrillt und Millionen Menschen mit dem Rassenquark das gesellschaftliche Empfinden verdirbt. Mehring richtet seine wirkungsvollen Spottgeschütze auf die teutonischen Phänomene, legt aber nicht die klassenmässigen Wurzeln dieser Erscheinungen frei. Mehring ist gewiss Antifascist, aber nur im weiteren Sinn des Wortes, da ihm die festumrissene politische Position fehlt. Hierin unterscheidet er sich wesentlich von Bert Brecht, der sich als Weggenosse des Proletariats in seiner politischen Lyrik zu einer bemerkenswerten weltanschaulichen Klarheit und gesellschaftlichen Einsicht entwickelt hat und dank dem erreichten ideologischen
Reifegrad mit seinen Versen tiefere politische Wirkungen erzielt. Aber der bessere Musikant ist doch wohl Walter Mehring. Die Sicherheit seines Sprachgefühls, die Originalität seiner Rhythmen und Bilder und eine starke Erlebnisfähigkeit bewahren ihn vor der Gefahr des Nachempfindens, der bewussten oder unbewussten Entlehnung.

Mehring ist ein rebellischer Bohemien, der fast triebhaft und mit einer gelegentlich ins Morbide fiebernden Feinnervigkeit auf die Stimmung des politischen Augenblicks reagiert. Mitunter vernachlässigt er die Pflege der geistigen Substanz und schwelgt stattdessen in den Reizen der Farbe, des Klanges und der Atmosphäre. Um einen Eindruck von der schöpferischen Eigenart des Dichters zu vermitteln, seien die nachfolgenden Strophen zweier politischer Gedichte zitiert, die zu den stärksten des Buches „Und Euch zum Trotz“ gehören. Der Titel des ersten Gedichtes lautet: „Ein Leichenwagen fährt vorüber“ (1931).

Durch die tagelose Früh
Hüpft der Sarg in leisem Spotte
Weise nickt der Gaul im Trotte:
Hotte, hotte,
Hotte hüh!
Schaust Du, Kutscher, ob die Fuhre
Heimlich von der Karre stieg?
Reckt sich eine Hand zum Schwure?
Keine Not!
Tot ist tot
…………….Du Deutsche Republik!

Träne rinne! Regen sprüh!
Ringelreihen tanzt die flotte
Opportune Würmerrotte
Hotte, hotte, hotte, hotte.
Hotte, hotte,
Hotte hüh!
Würmer nur, nicht Barrikaden
Feiern heute ihren Sieg.
Nicht Proleten – fette Maden
Halten Schmaus
Aus ist aus
……………..Du Deutsche Republik!

Dem „Arier-Zoo“ ist die folgende Strophe entnommen, in der Mehring in herzerfrischender Weise die beizende Lauge seines überlegenen Spottes über den Rassenfanatismus und die chauvinistisch aufgepulverte deutsche Spiesserseele im Dritten Reich ausschüttet:

Deutsches Tier – Gewürm – Geziefer
Stosst den Fremdling aus dem Pelz.
Wetzt den Stachel – bleckt den Kiefer,
Dass nicht mehr ein schiecher, schiefer
Jud in deutschem Schlamm sich wälzt!
Hämmert in den erznen Sockel:
Deutsches Rindvieh – deutsche Treu
Rache dem Franzosengockel
Russenbären – Britenleu!
Herr! Von fremder Viecherei:
Säbelbeinig – überseeisch
Krummgeschnäbelt und hebräisch, mach
Das dritte Tierreich frei!

Widerspruch aber wird Mehrings, „Emigrantenchoral“ bei all jenen geflüchteten Deutschen finden, deren geistige Lebensgrundlage in der Fremde die mit gutem Grund bewusst gepflegte Verbundenheit mit der Heimat ist. Die nicht Deutschland verlassen haben, um, wie es ihnen der Mehringsche Zuruf einschärft, jenseits der Grenzen zu Haus zu sein, sich dort ein Nest zu bauen und schliesslich das zu vergessen, was man ihnen aberkannt und gestohlen hat. Sondern die in kämpferischer Absicht das Unrecht in Erinnerung behalten, das man ihnen zugefügt hat, und die die Scheusslichkeiten weder vergessen wollen noch können, die ein barbarisches Regime verübt.

Die politische Entwicklung Mehrings ist gewiss noch nicht abgeschlossen. Der katastrophenumwitterte geschichtliche Prozess und die schon gewonnene nahe Beziehung des Autors zum Proletariat, die in einigen Versen überzeugend zum Ausdruck kommt,
werden ihn zu Erkenntnissen verpflichten, die seiner künftigen politischen Lyrik gewiss nicht zum Schaden gereichen dürften. Im Gegenteil: sie werden seiner politischen Lyrik jenen wirkungsmässigen Tiefgang, jene Reichweite, jene Wesentlichkeit und jene Klarheit ermöglichen, die im Sinne eines Kampfes gegen die fascistischen Mächte notwendig sind.

(Türk, Werner: Chansons zum Trotz; in: Die Neue Weltbühne Nr. 43/30. Jg. vom 25. Oktober 1934; S. 1355ff)

Der Christliche Ständestaat empfiehlt „Die Nacht des Tyrannen“

Die Nacht des Tyrannen (1937)

„DIE NACHT DES TYRANNEN“, Roman von Walter Mehring. Verlag Oprecht, Zürich.

Die Nacht des Tyrannen (1937)Auf knappen 120 Seiten zusammengeballt und in einem eigenartigen, kraftvoll-unmittelbaren und dabei von Ironie geladenen Stil dargestellt, spielt sich hier zwischen Wirklichkeit und Fiebertraum das Leben eines Diktators ab. Zwischen Wirklichkeit und Fiebertraum, wie in unserer „Wirklichkeit“, die Schlimmer und wirklicher ist, als ein Fiebertraum. Das macht dieses kleine Büchlein so gewichtig, daß es wie ein Alptraum lastet, wenn man es weggelegt hat. Der Alptraum gestaltet, der tagtäglich auf uns lastet. Mehring zeigt hier, daß er mehr ist als nur polemischer Publizist und Satiriker. Und
dabei ist diese von Wahnvorstellungen geschüttelte Fiebernacht des großen Diktators Martinez Llalado und sein von ebensolchen Wahnvorstellungen beherrschter „Aufstieg“ eine Satire von dunkler Gewalt – eine Satire am Rande des Abgrundes, den wir alle erlebt haben. -n.

(-n: Die Nacht des Tyrannen; in: Der Christliche Ständestaat Nr. 49/4. Jg. vom 12. Dezember 1937; S. 1180)

Verlagsankündigung von „Müller“ 1936

„Müller“, Chronik einer deutschen Sippe. Roman von Walter Mehring, Preis: brosch. S 8.40, Leinen S 9.60. Gsur-Verlag, Wien. In diesem Buch hat Walter Mehring eine Geschichte des deutschen Kleinbürgertums geschrieben, vom Eintritt der Germanen bis in unsere Zeit. Der Tacituslehrer Doktor Armin Müller, Oberstudienrat an einem Berliner Gymnasium, soll im Auftrag des Kultusministeriums einen Leitfaden der
deutschen Geschichte für die höheren Lehranstalten nach den Gesichtspunkten der Rassentheorie schreiben. Später wird er nicht nur des Auftrages wieder beraubt und seines Amtes entsetzt, auch sein Ariertum wird angezweifelt. Um sich von diesem Verdacht zu reinigen, häuft er in heroischem Kampfe Beweis auf Beweis für die Reinrassigkeit seiner Sippe, deren Stammbaum er nicht nur bis zum Jahre 1800, sondern bis in die Römerzeit nachprüft. An Hand dieser Dokumente schildert die Chronik die Wandlungen, Wanderungen und Versippungen einer deutschen Familie – wir treffen die Urahnen der Müller als Freisassen an der friesischen Küste, im Kampf der Zünfte, verwickelt in die Reformation und den Dreißigjährigen Krieg; wir sehen sie auf dem Potsdamer Kasernenhofe zu Preußen werden. Und erleben schließlich, wie mit dem Oberlehre Dr. Arminius Müller die Sippe im Dritten Reich ihr Ende findet.

(Müller. Chronik einer deutschen Sippe; in: Anzeiger für den Buch-. Kunst- und Musikalienhandel Nr.3/37. Jg. vom 25. Jänner 1936, S. 16)

Henri Lichtenberger antwortet Mehring in Neuen Tage-Buch

Ein Brief von  Henri Lichtenberger

In Nr. 31 des NTB besprach Walter Mehring das neueste Buch Henri Lichtenbergers, des bedeutenden Germanisten der Sorbonne, in dessen Schule eine ganze Generation von Franzosen über das klassische und moderne Deutschland unterrichtet wurde. Mehring hatte, wie den Lesern erinnerlich sein wird, die Arbeit betrübend einseitig gefunden. Jetzt ist ihm ein Brief des Gelehrten zugegangen, der veröffentlicht zu werden verdient.

Lieber Herr Mehring,
von einer Reise zurückgekehrt, finde ich auf meinem Arbeitstisch den Artikel, den Sie meinem Buche „La Nouvelle Allemagne” gewidmet haben. Er überrascht mich nicht. Während ich das Buch schrieb, hatte ich selbst das Empfinden, dass ich nicht genügend Platz jenen einräumte, die die Opposition gegen Hitlerdeutschland verkörpern. Um „gerecht“ zu sein (wie ich das Wort verstehe), hätte man tatsächlich zwei Bände schreiben müssen: einen über die Legende des Nationalsozialismus, so wie ich es unternommen habe, sie wiederzugeben und darzustellen, – den andern über das Deutschland der Emigration und über jenes Deutschland, das schweigt und wartet. Von diesen beiden Büchern habe ich nur das erste geschrieben, und zwar zunächst, weil mein Werk nicht einen gewissen Umfang überschreiten durfte, sodann aber, weil gerade Hitlerdeutschland bedeutend schwerer für uns Franzosen zu begreifen ist (ich trug Sorge, eine ganze Reihe
von Punkten aufzuzählen, in denen es mir unanwendbar – „inassimilable“ – für uns scheint). So habe ich mir den Anschein gegeben, den Leiden, den Gewissenskonflikten des anderen Deutschlands nicht genügend Rechnung getragen zu haben. Ich begreife, dass man mir das vorwirft. Und Sie haben tausend Mal recht, ein Buch wie: Das Deutsche Volk klagt an” als notwendige Ergänzung zu dem meinen zu bezeichnen.

Bleibt die Frage zu erörtern, ob das meine deswegen als nutzlos oder tendenziös zu gelten hat. Eine tragische Frage, gewiss, und schwer zu lösen! Ist das Hitlertum eine vorübergehende Krise der deutschen Seele, ohne Zukunft? (Und lohnt also aus diesem Grunde nicht der Versuch, es begreifen zu wollen, sondern ist in erster Linie von Bedeutung, es zu bekämpfen?) Oder ist das Hitlertum eine Enthüllung gewisser sehr charakteristischer Züge der deutschen Seele (in welchem Falle es verdiente, studiert und nicht nur widerlegt zu werden) ?

Ich bin pessimistisch genug, mindestens die Möglichkeit der zweiten These in Betracht zu ziehen und zu erweisen, dass, um Deutschland zu kennen, es nicht genügt, Lessing, Goethe und Nietzsche zu kennen, sondern dass es wesentlich ist, auch Wagner und Chamberlain, ja selbst Rosenberg, Schacht und Hitler nicht zu übergehen. …Es handelt sich da nicht um Sympathien, um Wahlverwandtschaften (Sie Wissen sehr gut, auf Welcher›Seite die meinen sind). Die Frage, um die es geht, ist, die Bedeutung eines Faktums abzuschätzen (möge dieses Ihnen nun behagen oder nicht behagen, das spielt keine Rolle).

Habe ich es nötig, Ihnen zu sagen, dass ich es nicht im geringsten bedauern würde, wenn die Ereignisse meinem Pessimismus Unrecht gäben, und wenn meine „objektive“ Studie in einigen Monaten oder einigen Jahren definitiv ungültig geworden wäre?

Mit allerherzlichstem Gedenken
Henri Lichtenberger.
22. Oktober 1936.

(Lichtenberger, Henri: Ein Brief, in: NTB H44/4.Jg. vom 31. 10. 1936; S. 1077.
Henri Lichtenberger bezieht sich auf Mehrings Rezension Die Objektivität (in NTB H. 31/4. Jg. vom 01. 08. 1936, S. 738-740))

„Sturm über Österreich“ verteidigt Mehring 1937

Der „Pressefrieden“

Der im Zusammenhang mit dem 11. Juli vereinbarte Pressefrieden zwischen dein Dritten Reiche und Osterreich hat in den letzten Wochen durch das Verhalten der reichsdeutschen Presse eine schwere Schädigung erlitten. Die reichsdeutsche offizielle Presse und der reichsdeutsche Rundfunk nahmen schließlich unrichtige Nachrichten, die sich in die Wiener Mittags- und Abendpresse eingeschlichen hatten, zum Anlaß, direkte Angriffe gegen die österreichische Bundesregierung zu richten. Die Politische Korrespondenz sah sich schließlich veranlaßt, gegen diese Pressetreiberei Stellung zu nehmen.

Das Kommuniqué hebt hervor, daß die österreichische Regierung, wie der sachliche und ruhige Ton der offiziellen Presse  ja beweise, die Veröffentlichung unwahrer und tendenziöser Nachrichten mißbillige. Gleichzeitig aber wird darauf hingewiesen, daß das österreichische außerordentlich tolerante Presseregime eine direkte Einflußnahme auf Redaktionen nicht zulasse, wie ja das Bestehen gewisser, dem in Österreich bekanntlich verbotenen Nationalsozialismus nahestehender Presseerzeugnisse in·Osterreich zeige. Im Schlußsatz des besagten offiziellen Kommuniqués heißt es, daß Österreich nicht geneigt sei, die ,,betont unfreundliche Haltung der reichsdeutschen Presse, auch zugelassener Blätter, widerspruchslos zur Kenntnis zu nehmen, Einschüchterungsversuchen nachzugehen und einseitige Zugeständnisse zu machen«.

Im ,,Völkischen Beobachter“ vom 17. März erschien im Zusammenhang mit diesem neuerwachten Presseunfrieden ein Artikel, in dem auch die ganze katholische Presse Österreichs mit der ,,jüdischen und Asphaltpresse“ in einen Topf geworfen wurde, um dem österreichischen Katholizismus Volksfronttendenzen zu unterschieben und das deutsche Volk neuerdings gegen Osterreich aufzuhetzen.

Mag nun diese Pressehetze im Dritten Reiche nun daher kommen, daß man fürchtet, in österreichischen Blättern könnten Nachrichten auftauchen und von da aus in die Weltpresse übergehen, deren Verbreitung aus gewissen innenpolitischen Gründen nicht sehr angenehm ist; mag dies ein Einschüchterungversuch sein oder Panik, jedenfalls ist Grund genug vorhanden, daß wir auf diesen Angriff näher eingehen.

Der ,,Völkische Beobachter“ beschäftigt sich nämlich unter anderem auch mit der Redaktion des ,,Sturm über Osterreich“. Unseres Wissens besteht die Redaktion unseres Blattes nur aus einer Person, die auch im Impressum genannt ist. Alle Artikel, die erscheinen, gehen ausschließlich durch die Hand des Verantwortlichen, so daß die Anwürfe des „Völkischen Beobachters“,  die sich mit der Zusammensetzung unserer Redaktion befassen, als gänzlich unwahr zu erkennen sind. Der ,,Völkische Beobachter“ aber schreibt:

,,Ganz ähnlich wie das katholische Wochenblatt »Sturm über Österreich«, in dem der jüdisch-deutsche Emigrant Walter Mehring im trauten Tete-a-tete  mit der emigrierten roten Baronin Scholley sein Gift zu verspritzen pflegt, den Ärger über die scharfe Anprangerung der des Wiener Handels im Blatte der jugoslawischen Gruppe »Zbor« mit der Verleumdunng  Deutschlands abzureagieren suchte, daß dieses mit Hilfe der rollenden Mark den serbischen Chauvinismus gegen Osterreich anfeuere.“

Wir wollen einmal etwas näher an den hier angegebenen Tatbestand in unserer Redaktion eingehen. Gewiß, Herr Walter Mehring ist dem Verantwortlichen voll bekannt. Desgleichen, daß er ein jüdisch-deutscher Emigrant ist. Geschrieben hat er im »Sturm über Österreich« aber nicht. Bekanntlich ist Walter Mehring ein Literat und Chansondichter. Seine Chansons werden jedoch nicht nur in Österreich geschätzt. Einzelne seiner Gedichte, wie zum Beispiel das Lied »In Hamburg an der Elbe«, werden in einem Lokal des Berliner Westens ständig gesungen. Vom »Völkischen Beobachter« wurde es vor ungefähr zwei Jahren als ein Beweis dafür zitiert, wie populär Hamburg in Berlin ist.

Ich selber habe dieses Lied bei SA- und BDM-Gruppenaufmärschen singen hören. Ein anderes Lied ist »Die kleine Stadt«. Der deutsche Rundfunk hat es vor einem Jahre gebracht. Da man sich aber später doch erinnerte, daß der jüdisch-deutsche Emigrant Walter Mehring eben das ist, wozu ihn das Dritte Reich gemacht hat, wurde ihm kein Honorar ausbezahlt. Der »Völkische Beobachter« kann überzeugt sein, daß Walter Mehring, wenn er im »Sturm über Österreich« geschrieben hätte, auch sein Honorar bekommen hätte und darin mag sich die Praxis des »Sturm über Österreich« seinen Mitarbeitern gegenüber von der des deutschen Rundfunks wesentlich unterscheiden. Ein drittes Lied »Die Maschinen« wurde vor zwei oder drei Jahren im Sportpalast gesungen. Auch da blieb das Honorar aus.

Die Leser des »Sturm über Österreich« wissen wie reichlich in diesem Blatte der literarische Teil behandelt ist. Seit seinem Bestand wurde unseres Wissens das einzige »Kloster von Sendomir« von Grillparzer in Fortsetzungen veröffentlicht. Ich glaube auch,  der »Völkische Beobachter«wird sich darüber klar sein, daß diese Novelle von Grillparzer nicht von der »emigrierten roten Baronin Scholley« erworben, sondern einfach aus Grillparzers Werken abgedruckt wurde. Die »emigrierte rote« Baronin Scholley ist uns ebenfalls bekannt. Sie hat eine rein literarische Agentur und beliefert Blätter aller Schattierungen, aber nicht nur in Wien, sondern auch im Dritten Reiche. Sie ist in Linz geboren und nach Wien zuständig, war niemals Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und wir wüßten nicht, welche Artikel oder welche Kurzgeschichte wir von ihr hätten erwerben können, da ja bekanntlich derartiges im »Sturm über Österreich« überhaupt nicht erscheint.

So sehen die Informationen des »Völkischen Beobachters« ans. Wahrscheinlich verhält es sich ebenso mit der Polemik gegen unseren Artikel »Die braune Hetze gegen Osterreichs Export in Jugoslawien«. Der »Völkische Beobachter« beschränkt sich einfach darauf, zu erklären, dass, was wir geschrieben haben, sei nicht wahr. Die Prüfung der Nachricht selbst behält man sich aber in der Redaktion des. »Völkischen Beobachters« offenbar vor und begnügt sich vorläufig mit einer Behauptung.

Jedenfalls hat die deutsche Diplomatische Korrespondenz auf das Kommuniqué der Politischen Korrespondenz den Rückzug angetreten. Sie beklagt sich darüber, dass eine Reihe von innerdeutschen Fragen ständig in polemischer Form und offenbar ,,ohne jede Sorge um die Rückwirkungen“ ausgegriffen werden. Scheinbar meint man im Dritten Reiche mit diesen ,,innerdeutschen Fragen“ die Frage des Katholizismus und da sind wir wohl der Meinung, daß der deutsche Katholizismus nicht nur eine innerdeutsche Frage ist, sondern schließlich und endlich jeden Katholiken interessiert, ob er nun ein Deutscher oder ein Nichtdeutscher ist. Daß aber der Kampf gegen die katholische Kirche zur Grundlage der gesamten deutschen Kulturpolitik geworden ist, ja, daß sich die deutsche Kulturpolitik eigentlich in diesem Kampfe gegen den Katholizismus völlig erschöpft, darüber zu schreiben scheint uns überflüssig.

Das Kommuniqué der Diplomatischen Korrespondenz erklärt weiter, »daß die Sprache der Wiener und der Prager Blätter kaum noch einen Unterschied aufweist«. Es versucht also die Giftmischerei weiterzutreiben und, da es mit der Beschuldigung von Volksfronttendenzen nicht ging, nun eine Verbindung Prag—Wien herzustellen und daraus den Schluß zu ziehen, daß gewisse Kräfte in Osterreich am Werke seien, unsere außenpolitische Linie, wie sie der 11. Juli darstellt, abzubiegen.

Wir sind immer auf dem Standpunkt gestanden, daß der 11. Juli eine rein außenpolitische Angelegenheit sei, ein Abkommen, das den europäischen Frieden und nicht, wie so manche nazistische Auslassungen es gern haben möchten, den Krieg Osterreichs an Seite Deutschlands zum Zwecke hat.

Selbstverständlich schließen wir uns  den Vertragstexten an, die besagen, daß die Achse Berlin—Rom gegen niemand gerichtet ist und daß auf der anderen Seite der Beitritt zu den Römischen Protokollen jedermann offensteht. Dies scheint man in Berlin zu vergessen. In Österreich aber kann es nur eine Meinung geben, nämlich die, daß jede Verbreiterung des bestehenden politischen Systems in Mitteleuropa, die dem Frieden dient, zu begrüßen ist. Damit ändert auch reichsdeutsche Zeitungspolemik nichts und nichts der Wunsch der Deutschen Diplomatischen Korrespondenz, die Leserschaft eines großen Teiles der österreichischen Presse für den beginnenden Kulturkampf im Dritten Reiche günstig zu stimmen.

Ing. Franz Bosch

(Bosch, Franz: Der Pressefrieden; in: Sturm über Österreich Folge 12/5. Jg. vom 28. März 1937, S. 2.)

Die Zeitschrift „Sturm über Österreich war eine Wochenzeitung, die in Wien von Franz Bosch herausgegeben wurde. Sie war das Organ der „Ostmärkischen Sturmscharen„. Deren Ziel war es, die jungen Männer Österreichs im Katholizismus und in einem österreichischen Patriotismus zu erziehen. Ursprünglich waren sie auch bewaffnet, legten diese aber aus freien Stücken nieder, um als reiner Kulturbund weiterzuexistieren. Vom Nationalsozialismus war der katholische Verband nicht infiziert. Im Juli 1936 schlossen das Deutsche Reich und Österreich das sogenannte Juli-Abkommen, in dem sich beide Seiten verpflichteten keinerlei Propaganda im jeweils anderen Land zu betreiben. Kurz vor den Olympischen Spielen war dies für Berlin sinnvoll. Auch, weil die inhaftierten Nationalsozialisten in Österreich amnestiert wurden. (A.O.).

Thomas Mann setzt sich für Mehring und Kollegen ein

An Louis B. Mayer                                                                               Pacific Palisades, California
740 Amalfi Drive
[Oktober 1941]

Dear Mr. Mayer:
Es ist nicht meine Gewohnheit, mich in Angelegenheiten einzumischen, die mich nicht unmittelbar angehen; dennoch möchte ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen eine Sache, die mir am Herzen liegt, und mir, wie vielen anderen wohlwollenden Leuten Sorge macht, vertrauensvoll vorzutragen.
Es war eines cler schönsten und verdienstlichsten Vorkommnisse während der letzten turbulenten und so viel Leben und Glück zerstörenden Jahre, ein Vorkommnis, das gewiß niemals vergessen werden wircl, wenn man die phantastische Geschichte der Auswanderung cler europäischen Kultur erzählt, daß zwei große Filmgesellschaften in  Hollywood sich entschlossen, einer Reihe von deutschen und österreichischen Schriftstellern Notverträge zu geben, die diese Männer nicht nur in den Stand setzten, in die Vereinigten Staaten einzuwandern, sondern ihnen auch, wenigstens für eine gewisse Frist, die Grundlage ihrer Existenz sicherten. Der Übersichtlichkeit wegen setze ich Ihnen hier die Namen der fünf Autoren auf, deren sich M.G. M. in so generöser Weise angenommen hat, und füge die Anfangs- und Enddaten ihrer Verträge hinzu.

Alfred Döblin 8. Oktober 1940 – 7. Oktober 1941
Alfred Polgar 24. Oktober 1940 – 23. Oktober 1941
Hans Lustig 10. Dezember 1940 ~ 9. Dezember 1941
Wilhelm Speyer 1o. März 1940 – 9. März 1942
Walter Mehring 5. April 1941 ~ 4. April 1942

Vielleicht darf man sagen, daß der Vorteil des Abkommens zwischen M.G.M. und diesen Schriftstellern nicht ganz allein auf Seiten der Letzteren war. Tatsächlich kann man nicht nur von einem gewissen ideologischen Gewinn sprechen, den die Firma dadurch hatte, daß sie diese angesehenen europäischen Namen mit dem ihren verband, sondern auch rein praktisch ist zum Mindesten in mehreren Fällen ein entschiedener Nutzen für die Studios der M. G. M. zu buchen.
Man versichert mir. daß zum Beispiel. Hans Lustig sich als ein wirklich wertvoller Writer erwiesen hat, und ich weiß, daß Gottfried Reinhardt und Sam Berman Alfred Polgar sehr warm empfehlen und zwar auf Grund seiner besonderen dialogischen Begabung, die er speziell bei der Mitarbeit am letzten Garbo-Film bewährte.
Was Döblin betrifft, so hat cr soeben eine story eingereicht, die bei Mr. Keneth McKenna großes Gefallen gefunden hat. Es ist Döblin ein American „Junior“ Writer zur Seite  gegeben worden, um seine story zu entwickeln. Auch in diesem Fall also hat sich bereits der Wert des Engagements für die Firma erwiesen.
Ich erwähne diese Dinge, die Sie wahrscheinlich so gut wissen wie ich, nur, um dem Vorwurf zuvorzukomınen, der der Firma gemacht werden könnte, wenn Sie den Kontrakt mit den Refugee-Schriftstellern erneuerte: daß nämlich fruchtloses Geld nur zu humanitären Zwecken ausgegeben werde. Und damit habe ich den Wunsch und die Bitte ausgesprochen, die mich und nicht nur mich allein bewegen. Die Zukunft dieser Männer, die in Europa sich durch ihre Schriften Ansehen und Lebensunterhalt erworben haben, macht uns Sorge, und meine, unsere Bitte an Sie, dear Mr. Mayer, geht dahin, Sie möchten das ausschlaggebende Gewicht Ihres Einflusses in die Wagschale werfen, um ein Engagement der genannten Schriftsteller für ein weiteres Jahr zu bewirken. In diesem Jahr kann sich viel ändern, und aus dem Wechsel der politischen Lage können sich neue Wirkungs- und Verdienstmöglichkeiten für die Refugees ergeben. Wenn M.G.M. bis dahin die Verbindung mit ihnen aufrecht erhält, so wäre das zweifellos von jedem Gesichtspunkt aus und vor jeder Kritik zu rechtfertigen. Denn erstens ist mit Bestimmtheit zu hoffen, daß auch Schriftsteller wie Speyer und Mehring sich mit der Zeit dem Studio wertvoll zu machen wissen werden, und zweitens scheint mir keine Frage, daß das Gehalt für einen Mitarbeiter wie Hans Lustig, wenn er nicht auf einen Refugee-Vertrag gekommen wäre, sich so viel höher belaufen würde, als es tatsächlich ist, daß er für mehrere Kollegen mitaufkommt.
Ich möchte noch etwas erwähnen. Zeitweise hörte man, daß die Screen Writers Guild dem Engagement der ausländischen Autoren opposed sei. Dies hat sich als ein vollkommener Irrtum erwiesen. Mir liegt ein Schreiben des Mr. Sheridan Gibney vor, in dem er ausspricht, daß »our organization is open to Writers of all nationalities who seek employment in the motion picture industry. We welcome new talent which scrves to enrich the industry and would consider it highly improper if the Guild should discourage the employment of any of its members for other than lawful or contractual reasons.«
Lassen Sie mich zusaniınenfassen: durch Ihr Eintreten für ein Wiederengagement der Refugee Writer würden Sie Männern einen unschätzbaren Dienst leisten, die im Kulturleben unserer Zeit eine ehrenvolle Rolle gespielt haben und mutmaßlich wieder werden spielen können, wenn man ihnen über diese kritische Zeit hinweghilft, und ich würde den Entschluß dazu sowohl für menschlich schön und dankenswert, als auch für klug halten. Denn das Wenigste, was man sagen kann, ist, daß er der Gesellschaft nicht zum Schaden gereichen würde.
Verzeihen Sie mir den Freimut dieser Worte, aber ich hielt es für meine Pflicht, für diese gefährdeten Kollegen mich einzusetzen und sie Ihrem weitbekannten Wohlwollen zu empfehlen.
Ihr sehr ergebener
Thomas Mann

Ich wäre jederzeit bereit Sie zusanımcn mit Mrs. Dieterle, die sich dieser Sache annimmt , aufzusuchen, wenn Ihnen an einer mündlichen Besprechung gelegen ist.

(Thomas Mann: Briefe 1937 – 1947; Frankfurt (Main): S. Fischer 1963, S.211 ff.)