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1965 Kabarett Zeichnungen

Rolf Herschel zeichnet Walter Mehring für die Leipziger Pfeffermühle

Zeichnung von Rolf Herschel für ein Programmheft der Leipziger Pfeffermühle
Rolf Herschel hat das Programmheft zum 2. Programm der Leipziger Pfeffermühle gestaltet. „Heute geschlossene Gesellschaft“ war ein Nummerprogramm mit Texten aus den 1920er-Jahren. Darunter „Der Angeklagte hat das letzte Wort“ und „Zum blauen Affen“ von Walter Mehring.

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1923 Kabarett Lieder

Hans Reimann parodiert Walter Mehring

Hans Reimann: Von Karl Marx bis Max Pallenberg in 60 Minuten
LATERNA TRAGICA
Nach Walter Mehring

Blandine saß auf einem Stein!
Jerum 0 Jerum!
Blañdine saß auf einem Stein!
Im pikfein blanken Mondenschein!
Links unten war ganz nackt sie
Sie hatte weder Striimpf noch Schuh
Wild tanzt im Ragtime -Takt sie!
Dann machten die Kaschemmen zu
Ju Ju
Länge den Kapell’n
Hört sie die Engel vom Dache bell’n:
Müde bin ich geh‘ zu Ruh!

Blandine saß auf einem Stein
Mit sieben Siegeln!
Blandine saß auf einem Stein
Und putzt ihr Hakenkreuzlein rein!
Am Untergrund der Panke
Die Schmiere kreist mit Satyrin.
Sie sticht dich in die Flanke!
Odol, Pebeco, Burgeff Grün!
Muh Muh
Länge den Kapell’n
Hörst du die Spatzen vom Dache gell’n
Müde bin ich, geh zu Ruh!

Blandinchen saß auf einem Stein
Ohropax vobiscum!
Blandinchen kreuzte Bein mit Bein
Und schmetterte die Wacht am Rhein!
Als ob sie gänzlich toll wär!
Nick Carter springt herbei und
Zerkracht mit dem Revolver
Nen stummen Polizeihund
Huh Huh!
Längs den Destill’n
Hört man die Engel vom Daches brüll’n:
„Müde bin ich, geh zu Ruhnke!“

(aus: Hans Reimann: Von Karl May bis Max Pallenberg in 60 Minuten; München: Kurt Wolff Verlag  1923; S. 32 f.)

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Kabarett Lieder

Programmheft eines Mehring-Programms von Sven J. Olsson und Julia Kock

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1922 Kabarett Lieder Lyrik Rezensionen

Max Herrmann-Neiße rezensiert das Ketzerbrevier

Walter Mehring: Das Ketzerbrevier

Das Ketzerbrevier (1921)
Das Ketzerbrevier (1921)

Walter Mehrings neueste Coupletsamınlung gibt das Muster eines richtigen Kabarettabends mit Conference und vier Hauptabteilungen. Dieses Muster hat Vielfalt, geistigen wie artistischen Gehalt. Form, Gliederung, Originalität und Anarchie des Gedankens. Was Mehring vor allem zu seinem Metier befähigt, ist eine rhythmische Feinfühligkeit, eine Treffsicherheit, den richtigen Vortragsschwung jedem einzelnen Couplet gleich mitzugeben, daß schon im Takt die Situation sich ausdrückt und Melodik und Stimmung sich vollkommen decken. Seine Verse hämmern sich beim bloßen Lesen ein, sind auch fürs Auge allein schon komponierte Texte. Dabei ergibt sich die verschiedenen Gelegenheiten eine dementsprechende Abwechslung: eine Ahnung vom Tonfall Bruantscher Schreckenslieder „Die Kartenhexe“, „Zum Blauen Affen“, „Cabaret Schwalbennest“), die Kehrreimweise („Moralisches Glockengeläute,“ „Kinderlied“), eine Simultaneität, die von der »Fortgeschrittenen Lyrik« manches nutzte „Graduale“), und schließlich das originalste Produkt eines freien Rhythmusses der Couplet-Teclmik, wie es beispiellos leuchtet in „Die Reklame bemächtigt sich des Lebens“. Es muß einmal konstatiert werden, daß der nun so oft dünner nachgemachte Vortragselan, der die rasende Mechanik des Großstadtgetriebes exakt ausdrückt, und so etwas wie einen ››EXpressionismus« der Brettldichtung, eine im Automobiltempo losgelassene, gebremste und Kurven nehmende Momentaufnahme, zuerst und am intensivsten moussierte in solchen Mehringoriginalen wie „Achtung Gleisdreieck“, „Sensation“, „Salto mortale!“ Er erwischt alte und neue Medien gerade im rechten Moment, ladet sie mit seiner Elektrizität, und eine eigene tadellos funktionierende Walze ist perfekt. Er würfelt die ulkigsten Reime erster und zweiter Ordnung durcheinander, macht aus überstürzendem Radebrechen eines liebestollen Fremdlings die Note des „Kaukasierliedes“, mit aus Niggersong, Ragtime und Operettenrefrain einen „Jazzband“, eine mit Sätzen verübte Tanzorgie, und kurbelt die gute alte Populariät des Berliner Gassenhauers in eine ganz gegenwärtige Vehemenz.

Diejenigen, die zu Unrecht den Mehring nur als den poetischen Lokalreporter gelten lassen möchten, werden durch die Vielseitigkeit dieser Sammlung eines Besseren belehrt; aber das eine stimmt, daß Mehring, unter anderem, den Jargon des »Berliner Schlagers«
wie kein zweiter meistert, ihn für modernste Force gebrauchsfertig machte mit all seinem Mutterwitz, seinen pfiffigen Worteinfällen, dem derben Rotwelsch seiner Respektlosigkeit. Sein Bezirk ist nicht bloß ein Rummelplatz, nicht nur der größre Rummelplatz Berlin,
sondern die heutige Erdoberfläche schlechthin. Dies Buch zeigt die Internationalität seiner Sujets und beweist auch, daß Mehring sich nicht einmal auf ein einziges Temperament, auf eine einzige Gefülsnuance festlegen läßt. Mokante Kaltschnäuzigkeit, absolute Gemüstlosigkeit war die Signatur, mit der man ihn abstempelte, und nun beunruhigen hier in diesem Bändchen auf einmal so gar nicht ins Schema passende Sachen wie z. B. „Die Kälte“, wo ein schnoddriger Spötter – poetisch kommt! Ein Grundzug Mehrings ist schon die blutige Skepsis, die sich von keiner Illusion mehr zu Ehrerhietung anführen läßt und auf die Kaffrigkeit der lieben Umwelt spuckt, aber schonungslosen Zynismus und krasse Verachtung bringt erst der auf, der im Tiefsten einer zarteren Besaitung tödlich enttäuscht wurde. Solches Getroffensein wächst zum diabolischen Aufschrei des Puppenspiels „Die schwarze Messe“. Ein so scharfer Revoltedrang in diesem Schlußstück rumort oder in den Geißelliedern „Litanei“ und „Schwarze Ostern“ – es scheint mir eine Gefahr des Menschenmißtrauens, daß es in der Wirkung das Aufrührerische verliert und dem Publikum als eine bequeme Weltanschauung, die jedes Passivbleiben deckt, wohl eingeht. Alles gleichermaßen zum Speien finden, heißt: sichs allzu leicht machen. Mehring sollte, diesem Verdacht zu entgehn, nicht ganz ohne Route sein. Sonst sieht, was als Gegenteil geplant war, wie Kompromiß aus, der Durchschnitt hört sich doch bloß heraus, was ihm paßt, aus dem „Nekrolog“: „Hetzern . . . uns uffzuwiegeln“ und aus dem Berliner Tempo eine lokalpatriotische Bestätigung.

Max Herrmann-Neiße: Walter Mehring: Das Ketzerbrevier; erschienen in: Berliner Börsen-Courier, Nr. 213 vom 7. Mai 1922.

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1921 Kabarett Lyrik Rezensionen

Joseph Roth besucht die Wilde Bühne

Am 6. November 1921 ist ein Text von Joseph Roth mit dem einfachen Titel „Wilde Bühne“ im Berliner Börsen-Courier erschienen. In ihm beschreibt er einen Abend in dem Kabraett von Trude Hesterberg, das erst zwei Monate zuvor, am 5. September 1921, im Keller des Theaters des Westens eröffnet worden war. Trude Hesterberg selbst sang das „Börsenlied“ Walter Mehrings. 

WILDE BÜHNE

Joseph Roth (1926)
Joseph Roth (1926) – Quelle: wikipeddia.de

Das literarische Kabarett Berlins fängt hier an, sich eine eigene Physiognomie zu schaffen. Noch ist jede einzelne Nummer ein Versuh. Noch schwankt man zwischen Wedding und Montmartre und schlägt zwischendurch einen harmloseren Ton an, den das Publikum auch gerne hört. Aber aus all den gepfeffert-erotischen, sozial-revolutionären und anspruchslos-heiteren Elementen entwickelt sich deutlich ein eigener deutscher Kabarettstil, weniger akademisch als der Morntmartre und dennoch literarisch wertvoll. Er bleibt der Wedekind-Tradition treu, ohne in ihr zu erstarren. Das deutsche Kabarett muß sich nun endlich entschließen, den didaktischen Ton abzulegen. Das Kabarett ist pointierte öffentliche Kritik, wie ein literarisches Witzblatt, und keine Besserungsanstalt.

Dem Novemberprogramm der „Wilden Bühne“ verleiht Leo Heller mit einigen Liedern aus der Welt des Nordens einen chrakteristischen Zug. Die „Berliner Moritat“ zum Beispiel, die Annemarie Hase zu einem scheußlich mißtönigen Leierkasten mit ironischer Realistik singt, hat alle Kennzeichen eines guten „Weddingliedes“. Es ist nicht stilisiert, sondern wahr. Es ist ohne Tendenz. Es trifft, ohne zu zielen. Trude Hesterberg singt das „Börsenlied“ von Walter Mehring. In diesem Lied ist schon der Krampf des Autors zu sehn: Er will unbedingt „der Zeit ihren Spiegel vorhalten“. Er übertreibt also – nicht künstlerisch, was selbstverständlich geboten wäre – , sondern sachlich. Trude Hesterberg schmettert (in einem ulkigen Börsenkostüm) diesen
Kampfgesang gegen die Börse mit erfrischender Sieghaftigkeit hinaus. Sie sieht dann in zwei andern Liedern („Die Knöpfelschuh“ von Heller und „Bein ist Trumpf“ von Radetzki-Janowitz) entzückend aus. Das ist gute, durch Literatur gemilderte und vertiefte Operettenkunst. Eine neue Nuance bringt Berthold Reißig mit „Liedern zur Laute“. Er hat noch etwas Provinz abzulegen. Maximiliane Ackers und Lotte Velden sangen und spielten (ein Ständchen aus dem 16.]ahrhundert, den Deutschen Tanz von Mozart). Maximiliane Ackers ist ein schelmisches Mädchen mit einer nicht immer ausreichenden Stimme, aber sehr viel Musikalität im Leibe. Ein „Racker“, der, ohne zu wissen, wie er ins Kabarett kam, nichts von Montmartre- und Weddingatmosphäre annimmt, sich selbst treu bleibt, mit frommer Fröhlichkeit zwitschert, wie’s kommt. Oh, Abwechslung und Labsal!

Kurt Gerron erzielt mit seiner pointiert-intellektuellen Art, großstädtische Chansons vorzutragen, und mit seiner reichen, rein mimischen Begabung große Wirkung. Alfred Beierle spricht  Wedekinds Ballade „Die Keuschheit“ mit großer Meisterschaft. Es gelingt ihm, den ganzen grausigen Weclekindhumor in einer einzigen Geste zu komprimieren, wenn er zum Beispiel eine Faust drohend emporstreckt, ehe er selbst hinter einer Stuhllehne zum Vorschein kommt. Sozusagen eine schauspielerische Pars pro toto. Ein fürchterliches Gelächter lebt in diesen Versen Wedekinds.

Wilhelm Bendow, der eine Dame von der Münchener Oktoberwiese darstellt, entfesselt mit treffenden satirischen Pointen Stürme der Heiterkeit. Er hat sich in seiner sachlich-ironischen Art zu einem Humoristen individueller Prägung entwickelt.

Marcel Glodki hat einige gute Bühnenbilder gezeichnet.

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1981 Kabarett Lieder Lyrik

Pressetext zur Werkausgabe – Chronik der Lustbarkeiten / Staatenlos im Nirgendwo

Walter Mehring
CHRONIK  DER LUSTBARKEITEN
Die Gedichte, Lieder und Chansons 1918-1933
536 Seiten, Pappband, claassen Verlag GmbH, Düsseldorf, DM 38,–

STAATENLOS IM NIRGENDWO
Die Gedichte, Lieder und Chansons 1933-1974
276 Seiten, Pappband, claassen Verlag GmbH, Düsseldorf, DM 28,–

Beide Bände zusammen in Kassette: DM 58,–

Walter Mehrings Hauptwerk, die Gedichte, Lieder und Chansons aus über 50 Jahren, verstreut publiziert in 15 Gedicht- und Auswahlbänden sowie in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften, erscheinen nun zum ersten Mal gesammelt.

Chronik der Lustbarkeiten (1981)
Chronik der Lustbarkeiten (1981)

Der erste Band, die CHRONIK DER LUSTBARKEITEN, enthält die Gedichte von 1918 bis 1933: von den ersten, in Herwarth Waldens „Sturm veröffentlichten expressionistischen „Verben-Kaskaden“ bis zu der berühmt gewordenen „Sage vom großen Krebs“, die in der „Weltbühne“ erschien, als Mehring bereits im Zug nach Paris saß und einem mehr als 20jährigen Exil entgegenfuhr. Viele dieser Gedichte, insbesondere die skandalträchtigen Dada-Verse und die politischen Satiren, sind später nie wieder gedruckt worden. Der Leser wird also Entdeckungen machen können und neben den „Schlagern“ aus Mehrings ( beraus erflolgreicher) Kabarettzeit unbekannte (zum Teil in Buchform noch nie publizierte) Gedichte und Songs finden. Er wird feststellen, daß Mehring sehr viel mehr ist als der Kabarettdichter aus Max Reinhards (sic!) „Schall und Rauch“ oder Trude Hesterbergs „Wilder Bühne“. Er wird einen Lyriker entdecken, der in seiner Poesie neue und auf verblüffende Weise moderne Ausdrucksformen gefunden hat. Mit welcher intuitiven Sicherheit er Litanei, Bänkelsang, Gassenhauer, Chanson, Couplet und Ballade auf ganz eigene, bisher nie dagewesene Weise verwendete, macht die CHRONIK DER LUSTBARKEITEN schlagend deutlich.

Mehrings Balladen und Chansons über die großen und kleinen Leute, über Polizeipräsidenten, Kaiser, Seeleute, Fememörder, Spießer und politische Rattenfänger enthalten „akkurat die krasse Wahrheit“ (Max Herrmann-Neiße), und fast visionär nehmen viele vorweg, was 1933 politische Wirklichkeit werden sollte. Provozierend und sensibel trafen sie die Zeitstimmung, spiegeln eine ganze Epoche, und sind doch – heute wieder gelesen – viel mehr als Zeitgedichte: die „herrlich gereimten Lieder von einem in Deutschland fast nie gesehenen Wortreichtrum“ (Tucholsky) gehören zum festen Bestand der Poesie dieses Jahrhunderts. Nicht nur Brecht hat von Mehring gelernt; Tucholsky schrieb in einer begeisterten Rezension: „unfaßbar die Technik, wie der Refrain an die Vorstrophe herangeflogen kommt – vom Himmel hoch, da kommt er her. (…) Grund genug, diese Chansons doppelt zu lieben.“

Staatenlos im Nirgendwo (1981)
Staatenlos im Nirgendwo (1981)

Die Gedichte des zweiten Versbandes, STAATENLOS IM NIRGENDWO, sind fast ausschließlich im Exil entstanden. Mit trotziger Melancholie und tönender Verzweiflung über „das bißchen Vaterland“ und das, was im Reich passierte, schrieb Mehring Verse, die das Lebensgefühl der Exilierten paradigmatisch zum Ausdruck brachten. Die „Ode an Berlin“, „Die kleinen Hotels“ oder der „Emigrantenchoral“ gehören neben den schon im amerikanischen Exil berühmt gewordenen 12 „Briefen aus der Mitternacht“ sicher zum besten, was zwischen 1933 und 1945 zu diesem Thema geschrieben wurde.

Auch im zweiten Band sind zahlreiche Gedichte, nach Hitlers Machtantritt in verschiedenen antifaschistischen Zeitschriften in Prag, Paris, Zürich, New York, Buenos Aires u.a. erschienen, zum ersten Mal in Buchform veröffentlicht. Zwei Gedichte, eines aus dem amerikanischen Exil und ein weiteres aus dem Jahre 1966, sind Erstveröffentlichungen.

Die CHRONIK DER LUSTBARKEITEN ebenso wie STAATENLOS IM NIRGENDWO enthalten Gedichtfassungen in endgültiger Textgestalt. Die Anmerkungen geben zu den einzelnen Gedichten bibliographische und inhaltliche Hinweise (Erstdruck, Überarbeitungen, zeitgeschichtliche Erläuterungen). Ein ausführliches Nachwort des Herausgebers zu jedem Band führt den Leser in Biographie und Werk Mehrings ein. Im Anhang sind jeweils zeitgenössische Kritiken zu den einzelnen Versbänden abgedruckt, u.a. von Kurt Tucholsky, Max Herrmann-Neiße, Joseph Roth, Hans Sahl, George Grosz u.v.a.

Grosz hat Mehring den „Villon von der Spree“ genannt, andere haben ihn mit Heinrich Heine verglichen, und doch ist die vielschichtige, frappierend „heutige“ Poesie Mehrings mit solchen Kategorisierungen kaum zu fassen. Der Leser hat nun zum ersten Mal die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen von diesem großen Dichter Walter Mehring, der sich als Satiriker radikal mit seiner Zeit auseinandergesetzt hat und mit seinem Werk doch weit über sie hinausweist – wie alle große Dichtung.

Walter Mehring
wurde am 29. April 1896 in Berlin geboren. Die ersten Gedichte veröffentlichte er 1918 in Herwarth Waldens „Sturm“ und in verschiedenen Dada-
Zeitschriften. Seine Gedichte, Lieder und Chansons machten ihn früh berühmt und bald bei den Nationalsozialisten verhaßt. 1933 entging Mehring nur knapp seiner Verhaftung durch die SA, er emigrierte, wurde 1939 und 1940 in Frankreich interniert und entkam 1941 in die USA. Nach dem Kriege kehrte er nach Europa zurück. Heute lebt er in einem Pflegeheim in Zürich.

In der Walter-Mehring-Werkausgabe bei claassen sind erschienen: „Müller. Chronik einer deutschen Sippe“. Roman; „Die verlorene Bibliothek“. Autobiographie einer Kultur; „Wir müssen weiter“. Fragmente aus dem Exil; „Die höllische Komödie“, Drei Dramen; „Paris in Brand“. Roman; „Algier oder Die 13 Oasenwunder/Westnordwestviertelwest“. Zwei Novellen; Die Walter-Mehring-Werkausgabe wird herausgegeben
von Christoph Buchwald.

Die Pressesstelle des Claassen-Verlags hat diesen Pressetext als “Besprechungsunterlage” mit dem Band für die Rezension verschickt. Zwei Belege der Rezension hat sich der Verlag von den Rezensenten erbeten. (A.O.)

Mehr Pressetexte zur Werkausgabe:
Die Höllische Komödie
Paris in Brand
Müller / Die verlorene Bibliothek
Algier oder die 13 Oasenwunder – Westnordwestviertelwest
Verrufene Malerei – Berlin DADA
Die Nacht des Tyrannen

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2012 Kabarett Lieder Lyrik

Servio Tulio singt Dressur von Walter Mehring

Servio Tulio singt „Dressur“; Text von Walter Mehring, Musik von Friedrich Hollaender.

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1962 Lyrik Rezensionen

SPD-Pressedienst feiert Mehrings Neues Ketzer-Brevier

,SPD-Pressedienst
P/XVII/201
20. November 1962

Walter Mehrings „Neues Ketzer-Brevier“

Man liest sich durch diesen satirischen Balladen- und Chanson-Band ohne aufzuhören, so frech und couragiert, so brillant in der Form wird hier gestritten, gefrotzelt, gespottet, verhöhnt und aufgetrumpft. Aber auch sehr zarte Verse stehen darin, die in jeder lyrischen Andachtsstunde ankommen würden. Walter Mehring ist ein sehr vielseitiges, ein typisches Kabarett-Talent – kein Wunder, dass sich Kurt Tucholsky für diesen politischen Dichter so begeistern konnte. „Wir haben kaum Ansätze zu einem Cabaret“, bekannte er einmal, „Mehring steht im Buch – diese grosse Begabung verbleibt im Buch und auf dem Papier,“ wo in Deutschland alles steht. Grund genug, diese besten Chansons, die nicht von Kipling sind und nicht von Villon und nicht von Herrn Lax… Grund genug, diese Chansonso doppelt zu lieben …

(Verlag Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten)

ws.

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1922 Rezensionen Zeitschriften

Max Herrmann-Neiße erfreut sich an Blandine Ebinger, Walter Mehring und Friedrich Hollaender

BELANGVOLLE KABARETT – MATINEE
Von Max Herrmann (Neiße)

Die Herausarbeitung des selbständigen Kabarettstiles, das völlige Ernstnehmen der Kunstgattung, müssen zuerst einmal die gefährliche Wechselbeziehung beseitigen zwischen dem auf der Bühne und dem vom Büffett Gebotenem. Erst wenn die Rücksicht auf den Konsum an Speise und Trank gefallen ist, kann auch jene geistige Rücksichtslosigkeit entstehen, die dem Künstlerischen den zur eigenwüchsigen Entwicklung freien Raum schafft. Als brauchbare Etappe auf diesem Wege ist so eine Kabarett- Matinee zu begrüßen, wie sie Blandine Ebinger, Friedrich Hollaender und Walter Mehring in den Berliner „Kammerspielen“ veranstalteten. So etwas gibt von Zeit zu Zeit unbeeinflußt Rechenschaft vom Stande der ganzen Kunstart sowohl, wie auch umfassenderes Zeugnis für des einzelnen Künstlers Persönlichkeit und Schaffensmodus, die ja bei der kurzen Frist des abendlichen Auftretens nicht den kompletten Umfang der Fähigkeit entfalten können. Das ist desto nötiger in einer Klamaukstadt wie Berlin, wo Publikum und Presse zu eigner größrer Bequemlichkeit darauf aus ist, die Schaffenden auf eine bestimmte Spezialität festzulegen und die Kategorie, mit der einer mehr oder minder zufällig einmal einen Erfolg hatte, ihm bis ans Lebensende als nie zu überschreitenden Rayon aufzunötigen. Für diese Leute ist die Ebinger die Darstellerin der halbwüchsigen Spreejöhre und Mehring der kaltschnäuzige Satiriker des Gegenwartsrummels, und wehe, wenn eins wagen sollte, einmal anders als erwartet zu kommen! Aber die drei taten‘s doch, und hätschelten auch Auditorium und Kritik trotzdem die alten gefälligen Vorurteile weiter, die Einseitigkeitsdefinitionen sind nun durch Fakten der objektiven Feststellung als böswillig belegt. Es zeigte sich nämlich erstens, daß die Ebinger eine Gestaltungskraft ist, die nicht bloß an die eine (Proletariermädchen-) Note gebunden ist. Der erste Teil der Darbietungen, für mein Gefühl der Interessantere, obwohl die Majorität natürlich den zweiten, geläufigeren vorzog, bewies ihre Vielfalt im Zeichnerischen, das Lebensromantisches, Panoptikumdämmriges, Galantlegendäres, Volksliedraunendes Bizarres und Primitives genau so scharf und mit einer ebenso aparten, für das besondre Instrument ihrer Sprach- und Körperkunst gelungnen Formung traf. Augen und Lippen umgeisterte eine tödliche Lasterhaftigkeit, aus rotem Gewand lugte ein nacktes Bein. Sie ist sich ihrer Möglichkeiten genau bewußt und hat das Spiel auf ihnen bis zur äußersten Souveränität ausgebildet, so war alles bis ins Kleinste abgewogen, Hingabe oder Sichversagen des Tonfalls, der Handbewegung, der Haltung so ausbalanciert, daß sich eine Leistung von wirklicher Geschlossenheit ergab, Kabarettmimentum einer entschiedenen, die Gesetze seiner besonderen Phantastik instinktiv beherrschenden Energie. Gleichfalls offenbarte sich, daß Mehrings spezifisch das Kabarettlied fassende Begabung in mehr als einem Sattel gerecht ist. Dieser erste Programmteil brachte auch neue Chansons von ihm, die mit dem alten Klischee „mokante Galligkeit“ nicht mehr zu erledigen sind, sondern eine Poesie der Außenseitigkeit und Abwegigkeit geben, der diffizilen Orte des Lebenswahnsinns, Wachsiguren-Relationen, die echte Sentimentalität des Verlorenseins gegen die aufgeputzte des bürgerlichen Dirnenbrimboriums, das unhold Umflügelte des Grauenmonstrums Berlin, Dämonie von Stadtbahnfahrt und Alltagsspuk, ohne Rührsal genommene Gespenstigkeit eines Totentanzes der Destillensphäre. lnfernalische Schnuppigkeit, zu der das diabolische Geldhetztempo der Stadt schon die Gassenkinder erzieht, die ihr erstes Hopsassagruseln vor einem Erhängten empfinden, der ihren miesen Alltag halb komisch, halb gefährlich überschaukelt. Da ist Urwuchs, Leibhaftigkeit dieses so seltsam bevölkerten Strichs, mit einem Schlag unmittelbar Hingefegtes! Die Veranstaltung baute sich überdies als ein gut gegliedertes Ganzes auf. Mehring leitete sie mit dem Vorspruch ein, der hier veröffentlicht wird. Dann kam der besprochene erste Teil, und im zweiten sang die Ebinger also Lieder des Genres, das nach dem Durchschnittsdiktat ihre einzige Domäne sein soll. Auch das erledigte sie natürlich wieder genial, vor allem so großartige Texte wie Hollaenders in der Stimmung glänzendes Mondlied oder sein erschütternde Anklageballade „Wenn ich gestorben bin“. Friedrich Hollaender, der Autorkomponist, begleitete sie immer am Flügel; er ist einer der besten Kabarettkomponisten, die Rubrik „Kabarettmusik“ als ein Zweig mit eignen Normen verstanden, er gibt Popularität ohne Kompromiß. pointierte Formulierung ohne Verzicht auf Geist und Geschmack und mixt — ohne Schmalz oder Programmgeklimper zu machen, einprägsame Schlager. Nicht der letzte, für jede Kabarettgemeinschaft vorbildliche Reiz ist, daß diese drei Künstler sich zu bester gegenseitiger Ergänzung eins zum andern fügen. Diese drei sind die verschiednen Seiten ein und derselben Kunstart und besitzen jedes in seiner Weise die besondere Magie der Brettl-Technik. Die Gestalterin, der Komponist, der Autor sind Blut und Geist grade vom Blute und Geiste dieses Komplexes und haben unwillkürlich im Spiel von Ausdruck und Geste, in der Tonanordnung, in der Wortregie die zu diesem Zwecke siegreiche und für dieses Feld originale Rhythmik und Dynamik. Darum rundete sich die Matinee wie ein Ring, sodaß Mehrings Vorwort aufging und bestätigt wurde im letzten Satz und in der letzten Gebärde der Ebinger und im letzten Notenarrangement und der letzten Situationsnotiz Friedrich Hollaenders und dieses Vormittagskabarett gesegnet war mit dein, was fast allen nächtlichen fehlt: mit Architektonik seiner Vorführungen, innerer Figur, (Drei-) Einigkeit.

Erschienen in: Die Neue Schaubühne, 4. Jg, April 1922, S. 109.

Walter Mehrings Vorrede

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1922 Rezensionen Zeitschriften

Walter Mehring feiert Blandine Ebinger

WENN IHR‘S NICHT FÜHLT, IHR WERDET‘S NICHT ERJAGEN…
(VORSPRUCH ZUR BLNDINE EBINGER MATINÈE)
Von Walter Melhring

Man könnte es dereinst für absurd halten, daß heute noch ein Mensch, und selbst für Augenblicke, es über sich gewann, ein Lied zu singen. Nach all dem Wahnwitz aber will man nun der Kunst die Rolle zuweisen, in diesem höllischen Debacle den kulturellen Schein des Himmelslichts zu wahren. Und fühlt der Künstler sich nicht in der Stimmung, den Tango der neun Musen zu erfinden, dann soll er wenigstens mit einem Lob der Menschlichkeit unsere Dissonanzen so übertönen, bis wir es selbst glauben, daß wir es gar nicht gewesen sind.

Dabei brauchten wir nur den Satz, daß böse Menschen keine Lieder (und auch keine Literatur) haben, als wahr zu nehmen, um mit einem fröhlichen: Wer wird denn weinen.., unsere Gutartigkeit zu dokumentieren. Aber sonderbar und unerforschlich sind die Wege unseres Schamgefühls. Ein Nackttanz paßte besser zu diesem demaskierten Elend als alle Theosophie. Die Gegensätze würden sich berühren, und man wüßte, woran man ist! Die trostlose Hoffnung, daß alles nur ein Mißverständnis war, wirkt deprimierender, als die klare Erkenntnis. Es hat sich vieles gewandelt in diesem Europa und jetzt stagniert es; die Letzten wurden die Ersten, die im Trüben fischen; sie waren schon immer da, saßen versteckt am Grund und sind emporgestiegen, hocken beisammen und unken, daß die Zeiten noch schlechter werden, weil die ihre gekommen ist. Aber kein Märchen spricht über diese ‘Wirklichkeit das Zauberwort: Es war einmal, das jene Kröten in Menschen verwandelte.

Es bat sich nichts gewandelt, als nur ihr Unterhaltungsstoff. Ein Sonntag ist, wie alle Sonntage waren in diesem Riesennest Berlin, wo sich allabendlich die Zellen erleuchten und die Menschen zum Biere gehen, altern und einmal spurlos verschwinden. Einer spürt den Drang, einen Schlager zu pfeifen, wenn einer in Bedrängnis stirbt. Einer schiebt Kegel und einer Millionen und einer singt so lange: Lott is‘ dot …‚ bis es ihm selbst an den Kragen geht.

Es ist kein Sinn in dieser Methode, aber im Uebersinnlichen bleibt das Nebeneinander haften; es ist ein Bruch in dieser Zeit, aber wer Augen hat zu sehen, findet die Einheit. Das Märchen war ein Krieg; ein Kind spielt mit den Trümmern der Wahrheit.

Daß irgend etwas nicht intakt sei, daß es dem einen über Gebühr schlecht und dem andern über Gebühr gut gehe, das haben alle erfaßt und alle Darsteller bis hinunter zum Cabaret profitieren davon. Könnte man mit Gesang einen Umsturz zaubern, so wäre ein Tendenzlied löblich, weit es einen Zweck hätte, aber oben die soziale Frage zu erörtern, wenn unten einer eine Lage Sekt schmeißt, hat höchstens den Zweck, die Eintrittsgelder zu erhöben. Keinen Zweck hätte e, die Dinge darzustellen, wie die andern es sich so vorgest1lt haben, so daß sie allerdings dann glauben, die Vorstellung hätte gar nicht stattgefunden. Denn Menschen gibt es, die gehen in einen Vortrag, nicht um zu hören, sondern um zu schreiben.

Zu wissen, daß es im Leben häßlich eingerichtet, genügt nicht, wenn nicht das Bewußtsein des Schaffenden in Wort und Mimik darüber steht. Das Lied vom Elend unserer Tage wissen wir alle zu singen. Aber nur einer erlebt es, wie es gewachsen ist. Und wer es schlafwandelnd pflückt, und wäre es wie heut und hier im Vortrag von drei kurzen Strophen, wagt sein Leben an, das Erwachen. Und wäre es das Lied von einem armen Mädchen; doch nicht, daß sie arm ist, rührt uns, sondern daß etwas von allem, das um sie herum und gleichzeitig besteht, in ihre Worte überging, bereichert unseren Blick. Denn nur Worte können so nebeneinander hergehen wie Menschen, und wo sie sich finden, ist ihr Schicksal und ihr Kehrreim. Und wenn tausend Jahre wie ein Tag sind, lebt

Das alte schlichte Lied von gestern abend,
Mich dünkt, es linderte den Gram mir sehr,
Mehr als gesuchte Wort‘ und lust‘ge Weisen
Aus dieser rachen, wirbelsüchtigen Zeit.

Erschienen in: Die Neue Schaubühne, 4. Jg, April 1922, S. 109.
Soviel ich (A.O.) weiß, ist dieser Text bislang nicht neu veröffentlicht worden. Da ich nicht weiß, wo die Rechte liegen, bitte ich die Rechteinhaber sich an mich zu wenden.