Kategorien
1938 2013 Biografisches

Mehrings letzter Besuch des Café Herrenhof in Wien

Hotel Herrenhof an der Stelle, wo einst das Café Herrenhof stand.
Hotel Herrenhof an der Stelle, wo einst das Café Herrenhof stand.

Es ist genau 75 Jahre her, dass der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich Adolf Hitlers erfolgte. Für Walter Mehring und viele andere Exilanten war dies etwas mehr als fünf Jahre nach der Machtübernahme durch Nationalsozialisten ein neuer Schock. Sie mussten an dem 12. März erneut die Verhaftung befürchten – genauso wie die Sozialdemokraten, Kommunisten, Demokraten Österreichs. Wien war für Mehring in den Jahren zwischen 1934 und 1938 zu einer Art Heimat geworden. Im Hotel Fürstenhof lebte er inmitten der Bibliothek seines Vaters, die nach Mehrings eigener Erinnerung drei Wände des Zimmers komplett einnahm. Und da Mehring in Wien Hertha Pauli kennen- und lieben lernte, ist im Exil trotz finanzieller Schwierigkeiten und dem Verlust der deutschen Öffentlichkeit sogar von so etwas wie Glück zu Hause.

Hertha Pauli und Walter Mehring haben in ihren autobiografischen Erinnerungsbüchern die dramatische Situation geschildert, die zur Flucht Mehrings mit dem Zug vom Westbahnhof in Richtung Schweiz und Paris führte. Sie stimmen sich nicht in allen Punkten überein. Aber sie zeigen, wie nah Mehring und Pauli den Ereignissen waren. Und das ausgerechnet in einem Caféhaus, dem Café Herrenhof in der Herrengasse fast neben der Hofburg, in der Österreichs Kanzler und Teile des Kabinetts damals ihre Büros hatten und heute haben.

Hertha Pauli und Walter Mehring waren verabredet: „Ein Rendezvous im Café Herrenhof – nicht mit Seyß-Inquart, den ich weder kannte, noch zu kennen wünschte, sondern mit zwei guten Freunden. Ich musste mich beeilen, weil ich mich verspätet hatte.“ (HP) Seit dem 15. Februar war Arthur Seyß-Inquart Innenminister im Kabinett Kurt Schuschniggs. Auch dies erfolgte schon auf Druck Adolf Hitlers, der die Beteiligung der Nationalsozialisten an der Wiener Regierung ultimativ gefordert hatte. An diesem 11. März 1938 saß Seyß-Inquart nun im Café Herrenhof. „Wenn man sich beeilt, kann man das Café Herrenhof vom Bristol aus in weniger als zehn Minuten erreichen, nicht aber an jenem 11. März 1938. (…) An jenem Tag hielten mich Polizeisperren auf, weil junge Nationalsozialisten vor der Oper aufzogen. ‚Heil Hitler!‘ brüllten sie. Fragend wandte ich mich an einen der Polizisten. Der zuckte die Achseln, aber ein zweiter – Polizisten gehen gern paarweise um – sah mich plötzlich scharf an. (…) Als ich im Herrenhof auftauchte, fand ich die Freunde besorgt. Die ‚Heil Hitler‘-Rufe drangen wie ununterbrochenes Hundegekläff zu uns herein. ‚Auch die Polizisten sind Nazis‘, flüsterte ich atemlos und verstummte, weil der Ober zu uns trat.“ (HP)

Das Rendezvous, wie es Hertha Pauli nannte, war mit Walter Mehring und mit Carl Frucht. Der eine war ihr Geliebter, der andere ihr Partner bei der „Österreichischen Korrespondenz“, einer Literaturagentur. „’Was darf’s sein?‘ fragte er (der Ober; A.O.) wie immer. Ich bestellte eine Schale Gold – nur Kaffee, denn mir war der Appetit vergangen.
Im Kreis meiner Freunde erholte ich mich. (…) ‚Du mußt jetzt rasch fort‘, riet ich ihm (Walter Mehring; A.O.) im Herrenhof. Seine Ausbürgerung stand auf der ersten Goebbelsliste, was ihn mit Stolz erfüllte. ‚Und du?‘ fragte er mich. ‚Bei uns ist es -doch etwas anderes‘, erwiderte ich, und  Carli setzte hinzu: ‚Wir müssen am Sonntag wählen.'“ (HP)

Carl Frucht und Hertha Pauli glaubten zu diesem Zeitpunkt noch, dass der Einmarsch der Deutschen und damit der Anschluss Östrerreichs durch den für den zwei Tage später angesetzten Wahltermin verhindert werden könnte. In Walter Mehrings Erinnerung liest sich das so: „Am Freitag morgen, einem anachronistisch strahlenden Vorfrühling, marschierte noch unentwegt weiter das alte Wien. Aber schon nahte der Termitenfraß der Nazifizierung dem Abschluß. Schon waren bis auf eine hauchdünne Zelluloseschicht die Mauern achthundertjähriger Kultur zerfressen. Die VF, die ‚Vaterländische Front‘, schien mit Fahnen, Abzeichen und Enthusiasmus die Stadt zu beherrschen. Doch nicht die Straße ist das Barometer, sondern das Caféhaus, das Wien dem vorletzten Barbarenansturm, der Türkenbelagerung, verdankt. Der größte Cafépalast der Innenstadt, Treffpunkt der Literaten, liegt zur Mittagsstunde wie verödet. Zwei Stammgäste nehmen am Nebentisch Platz. Seyß-Inquart und Glaise-Horstenau, der gerade aus Deutschland eintrifft. Der Ober, dessen Wohlwollen alle Gäste besonnt, Legitimisten und Illegale, Nazis und Juden, flüstert: ‚Der Seyß hat nur a Suppen bestellt. Jetzt, da wird’s ernst.'“ (WM)  Und an einer anderen Stelle noch die Ergänzung: „Und Göring hat aus Berlin angerufen!“ (WM)

Hertha Pauli hat noch eine weitere Erinnerung an diesen Mittag im Café Herrenhof: „Unser Gespräch wurde plötzlich unterbrochen. ‚Herr Dr. Seyß-Inquart, bitte‘, rief der Ober. ‚Berlin am Apparat!‘ Am Nebentisch erhob sich ein Herr und ging dicht an uns vorbei zum Telephon in die Garderobe. In diesem Augenblick wurde mir plötzlich bewußt: diesem Mann untersteht jetzt unsere Polizei! Auf dem Sims hinter unserm Ecktisch standen liebliche Barockengelein aus Bronze. Auf einen davon zeigend, flüsterte ich Mehring ins Ohr: ‚Soll ich ihn damit erschlagen?‘ Walter schüttelte den Kopf. ‚Hilft nichts – es sind zu viele.‘ Der Innenminister kam an seinen Tisch zurück, zahlte und eilte hinaus. Besorgt blickte der Ober ihm nach. ‚Sehr nervös, der Herr Doktor‘, bemerkte er vertraulich zu uns. ‚Dem schmeckt heut‘ net amal sei‘ Apfelstrudel.’“ (HP)

Die Passagen von Hertha Pauli sind in „Ein Riss der Zeit geht durch mein Herz“ von Hertha Pauli erschienen. Die von Walter Mehring in „Wir müssen weiter“.

Mehr zu Walter Mehrings letzten Stunden in Wien:
Mehrings letzter Besuch des Café Herrenhof in Wien 
Nachmittag und Abend des 11. März 1938 in Wien
Mehrings Vermieter hilft heute vor 80 Jahren bei der Flucht aus Wien

 

 

Kategorien
1940 1941 2013 Biografisches Prosa

Walter Mehring als literarische Figur bei Eveline Hasler

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff
Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff

Als literarische Figur ist Walter Mehring bislang nicht verarbeitet worden. Natürlich gibt es eine große Reihe von autobiografischen Berichten und Romanen, in denen sich Autoren wie Hertha Pauli, Herrmann Kesten oder Friedrich Dürrenmatt an Begegnungen oder den Freund Walter Mehring erinnern, aber eine Literarisierung seines Lebens durch Dritte fand bislang nicht statt. Eveline Hasler hat das jetzt in ihrem Roman „Mit dem letzten Schiff – Der gefährliche Auftrag von Varian Fry“ erstmals getan. Ihr schmaler Band über die Fluchthilfe durch Varian Fry und das Emergency Rescue Committee ist Walter Mehring eine wichtige Figur.

Kategorien
1929 Prosa Zeitschriften

Zoologie vor 400 Jahren – aus: Neubestelltes abenteuerliches Tierhaus

In einem Konvolut von alten Zeitungstexten, die bei einem Antiquar in einer Ecke lagen,  war unter anderen dieser aus dem UHU, einer Berliner Zeitschrift, dieser von 1929. Er ist ein Auszug aus dem „Neubestellten abenteuerlichen Tierhaus“, das schon vier Jahre zuvor erschienen war.

Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 58
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 58
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 59
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 59
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 60
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 60
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 61
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 61
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 62
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 62
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 63
Walter Mehring: Zoologie vor 400 Jahren; erschienen in: Der Uhu, Februar 1929, S. 63
Kategorien
2013 Lieder Lyrik

Martina Mühlpointner singt „Wie lange noch?“

Martina Mühlpointner: Vocals
Oresta Cybriwsky: Piano

Kategorien
1918 Biografisches

Erwin Blumenfeld erinnert an eine Orgie bei George Grosz

Erwin Blumenfeld ist am 17. November 1918 aus dem Ersten Weltkrieg nach Berlin zurückgekehrt. Nach zwei Jahren in der Etappe hinter der Westfront machte er sich zügig auf den Weg, um Bekannte und Freunde aus dem Café Größenwahn zu finden. In seinem Erinnerungsband „Einbildungsroman“ schildert er die Ankunft in Berlin und die wenigen Tage, bis er nach Holland zu seiner Verlobten aufbrach. Die war mit Paul Citroen verwandt, dem Nachbarn, Kindheits- und Jungendfreund Mehrings:

„Zu Haus war niemand. Ich hatte keinen Schlüssel, saß im Schnee auf der Straße, bis der Portier mich, als es tagte, in unsere verlassene Wohnung ließ. Mama in einer Lungenheilanstalt bei Hannover, Annie als Polizeiassistentin in Hamburg. Um mich zu wärmen und gleichzeitig zu entlausen, verbrannte ich meine Uniform: Kaisers stinkenden Rock. Nichts zu fressen. Ich schlief erst mal mehrere Tage besinnungslos und erwachte fiebernd mit wolfsheulendem Husten. Als »Unerlaubt entfent vom Truppenteil« verweigerte man mir Lebensmittelkarten. Überall huschten Gerippe, die mit Karten am Verhungern waren. Ich ging auf Nahrungssuche und fand mit zwei silbernen Leuchtern eine Kartoffel. Mir fielen die legendären Hochzeitsweine meiner Eltern ein, die im Keller der Luitpoldstraße seit fünfundzwanzig Jahren hinter Schloß und Riegel darauf warteten, getrunken zu werden. Mit Hilfe von George Grosz schob ich an die sechzig Flaschen, in Säcken verborgen, auf einer Handkarre zu seinem Atelier. Da brieten wir meine Kartoffel, aßen dazu eine gelbe Wachskerze und probierten ein paar Pullen des edlen Nasses, wie im tiefen Frieden. Grosz pinselte ein Plakat: »Wohlgebaute junge Damen der Gesellschaft mit Filmtalenten werden zum Atelierfest bei Maler Grosz gebeten, acht Uhr abends, Abendtoilette! Olivaerplatz 4.« Mit diesem an einen Besenstiel genagelten Plakat promenierten wir als Sandwichmänner den Kurfürstendamm auf und ab. Zum Fest kamen elf Männer: Mynona, Grosz, Piscator, Huelsenbeck, Mehring, das Siebenmonatskind (der spätere Pipi-Dada), Benn, Gumpert, Yomar, Förste, Wieland und Muti Herzfelde (Monteur-Dada) und ich. Als mehr als fünfzig Damen auftauchten, mußten wir wegen
Überfüllung schließen. Der alte Mynona (schon über 40!) hatte angedeutet, daß in seiner Hosentasche ein halbes Pfund Cacao verborgen sei, und aller Damen Hände waren in seinen Hosentaschen. Ich beneidete diesen Roué! Um das Fest in Schwung zu bringen, schlugen wir vor, man solle sich entkleiden. Wir Männer zogen uns in die Küche zurück und beschlossen, unentkleidet zu bleiben. Als wir ins Studio zurückkamen, war die Damenwelt nackend und die Orgie begann. Alles besoff sich, die leeren Flaschen flogen durchs Glas
des Atelierfensters auf die Straße. Scherben, Schreie, Krach. Während alle jubelnd Takt schlugen, holte sich Grosz auf einer Chaiselongue in der Mitte des Studios bei Mascha Beethoven n Trippa. Mynona hat diesen historischen Abend in einem Roman, dessen Titel mir entfallen ist, verewigt. Zwei Tage danach erwachte ich erfroren in Groszens Badewanne, meinen blauen Anzug hatte man mir gestohlen.“

Zitiert aus: Erwin Blumenfeld: Einbildungsroman; Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 1998, Die Andere Bibliothek, Bd.162, S. 248 f. 

Kategorien
2013 Einst und Jetzt Fotos

Orte einst und jetzt (2): Café Herrenhof in Wien

Wien-Café-Herrenhof-(1914), Damensalon
Wien-Café-Herrenhof-(1914), Damensalon

Das Café Herrenhof in Wien war einer der wichtigsten Treffpunkte der literarischen Szene in den Jahren, in denen Walter Mehring in Wien lebte. Zwischen 1934 und 1938 verbrachte er die meiste Zeit in der österreichischen Hauptstadt. Auch sein letzter Aufenthalt in einem Wiener Caféhaus war im Herrenhof.

Blick durch die Lobby in die Café-Bar im Hotel Herrenhof.
Blick durch die Lobby in die Café-Bar im Hotel Herrenhof.

Mehr Orte einst und jetzt:
Königliches Wilhelms-Gymnasium – Sony-Center
Derfflingerstraße in Berlin Tiergarten

Kategorien
2013 Biografisches

Die Abendschau vom rbb stellt Walter Mehring vor

​

Kategorien
1925 2013 Zeichnungen

France 2 stellt George Grosz‘ Porträt Walter Mehrings vor

Der französische Fernsehsender France 2 widmet sich in einer Serie kurzer Filme der Kunst. Jedesmal wird in eineinhalb bis zwei Minuten ein Bild vorgestellt – und eine Geschichte zum Bild erzählt, die darüber hinaus geht. In dieser Ausgabe wird das Porträt Walter Mehrings von George Grosz aus dem Jahr 1925 vorgestellt.

Kategorien
1934 1935 1936 1937 1938 Biografisches

Walter Mehrings Bibliothek im Wiener Hotel Fürstenhof

Hotel Fürstenhof in Wien
Hotel Fürstenhof in Wien

Vom Westbahnhof sind es nur einige Meter bis zum Hotel Fürstenhof. Es liegt am Neubaugürtel 4. Als Walter Mehring im September 1934 aus Paris kommend mit dem Zug in die österreichische Hauptstadt einfuhr, hat er als erste Unterkunft eine naheliegende Adresse gewählt. Aber offenbar hat es ihm in dem von Inhaber Julo Formanek in einem schönen Jugendstilhaus geführtem Hotel so gut gefallen, dass er dort blieb. Und das für immerhin dreineinhalb Jahre.

Vielleicht waren es anfangs auch ganz praktische Überlegungen, die ihn in den Fürstenhof führten. Dank der Nähe zum Bahnhof war der Weg für den Transport seiner Bibliothek nicht weit. Denn nach Wien wurde ihm die Bibliothek seines Vaters, die „Verlorene Bibliothek“, aus Berlin nachgeschickt – „ins Exil gerettet dank der Komplizität der Berliner Tschechoslowakischen Gesandtschaft, dank der Kollegialität ihres Attachés, des Lvrikers Camill Hoffmann (aus der Prager Dichterrunde der Werfel, Mevrink, Kafka, Capek, die alle etwas kabbalistisch angehaucht waren), – ihn aber hat man später in einem Brandofen vernichtet.“ (Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek, Düsseldorf: Claassen Verlag, S. 17)

Nachdem Mehring in der Nacht des Reichstagsbrandes von Berlin nach Paris floh, war die Ankunft in Wien mehr als eineinhalb Jahre später wieder eine Rückkehr in den deutschen Sprachraum. Das Hotel Fürstenhof war auch deshalb mehr als ein Aufenthaltsort: „Gewohnt habe ich zum letzten Male wohl in Wien, bevor es stürzte. Denn dort hatte ich noch alle Bücher um mich, aus meines Vaters Bibliothek, und konnte mich zu Hause fühlen.“ (ebda.) Einen gewissen Anteil hat wohl auch der Fürstenhof daran gehabt. Das Leben im Hotel war für Mehring nichts ungewöhnliches, den größten Teil seines Lebens hat er so gelebt. Im Fürstenhof hat er nicht nur in einem Zimmer gehaust. Er hatte quasi Familienanschluss, denn es war damals üblicher, in Hotels zu leben. Pensionen und Hotels, in denen die Gäste richtig lebten, beschreibt zum Beispiel auch Joseph Roth in seinem Roman „Kapuzinergruft“.

Das Einwohnermeldeamt der Stadt Wien (Auskunft vom 23. Januar 2013) vermerkt fünf Meldeperioden Walter Mehrings im Fürstenhof. Vom 26. September 1934 bis zum 3. Januar 1935 währte der erste Aufenthalt. Vom 21. Februar bis zum 26. Mai 1936 war er wieder im Fürstenhof gemeldet. Ab dem 26. August desselben Jahres folgte bis zum 13. August 1937 , die nur vom 14. Januar bis zum 15. Februar 1937 unterbrochen wurde, die dritte Periode. Ein viertel Jahr später war er in Wien zurück. Vom 19.November 1937 bis zur Flucht aus dem nun nationalsozialistischen Wien am 11. März 1938 folgte der letzte Aufenthalt in dem Hotel gegenüber vom Westbahnhof. Die Zwischenzeiträume hat Walter Mehring in Paris verbracht. Das zumindest hat er bei den Wiener Meldebehörden angegeben.

Wien aber blieb der Ort, indem er Hertha Pauli kennen- und lieben lernte. Und die Stadt, in der Walter Mehring in der Bibliothek seines Vaters lebte. Drei der vier Wände seines Zimmers im Hotel Fürstenhof waren nach eigener Darstellung voller Bücherregale. Die Bücher gaben ihm Zuflucht. Und die Erinnerung an das Auspacken uns Lesen der Bücher in Wien ist der Ausgangspunkt für seinen autobiografischen Band „Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur“: „Ausgeleert, Kiste um Kiste – Pandorabüchse des NachDenkers Epimetheus (mit einem trüben Bodensatz Hoffnung) – spukte ihr Inhalt auf den abgeschrubbten Dielen, dem ungemachten Hotelbett, dem rußigen Fensterbrett in der Lesegruft meines Wiener Voruntersuchungsexils.“ (ebda, S. 189)

Und der Moment der Wiederbegegnung mit diesen Büchern bleibt ihm so in Erinnerung: „Den ganzen ersten Tag über, vom Morgengrauen an, seit ein paar verdrossene Transportarbeiter Kiste auf Kiste abgeladen hatten, die sie wahrscheinlich in ihrer Wiener notleidenden Einbildung mit materiellen Genuß- und Luxusartikeln angefüllt glaubten, las ich mich sinnlos voll . . . Man kann dem Lesen so gesundheitsschädlich verfallen wie jedem anderen Rauschmittel, besonders als Europäer, der ja durch lange erbliche Belastung im gleichen Prozentsatz alkohol- wie büchersüchtig ist. Man greift zum Buche wie zum Glase, um sich über die deprimierende Nüchternheit der Zeitungssensationen – hinwegzutrinken, um den widerlichen Nachgeschmack der Medizinen, die man uns in den Spitälern der Zwangs-Heil- versuche eingibt, herunter zu spülen. Und nichts hilft so wie ein süffiges Getränk -, wie Genuß von abgelagertem Pathos, vorzüglich in Versen konzentriert, um sich gleich edler und erhabener zu fühlen. Doch hält man sich nicht lange an die guten, erlesenen Jahrgänge. Und beim Lesen wie beim Trinken steigert man allzu rasch den Spiritusgehalt, man  sucht nach Selbstbekräftigung und zugleich nach genereller Absolution. Abnorme Gelüste, deren man sich wie eines versteckten Geburtsfehlers, wie einer krankhaften Veranlagung geschämt hatte, findet man bei erhabensten Genies im Schaffensrausche ausgeplaudert.“ (ebda. 24)

 

 

Kategorien
2012 Kabarett Lieder Lyrik

Servio Tulio singt Dressur von Walter Mehring

Servio Tulio singt „Dressur“; Text von Walter Mehring, Musik von Friedrich Hollaender.